Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 233 
ordentliches Führertalent mit: das Haupterfordernis bei dem 
besonderen Charakter der französischen Askese, die, entgegen der 
genossenschaftlichen Gliederung der deutschen Bewegung in 
Einzelklöstern, sehr bald zur Zentralisation, zur einheitlichen 
Organisation unter einer Spitze neigte. Als Abt von Cluny 
begann Odo sofort die mönchische Lebensweise in der besonderen, 
auf die Regel des Benedikt von Aniane zurückgehenden Form 
seines Klosters überallhin zu verbreiten; er reformierte und 
unterstellte seiner Aufsicht schon eine große Anzahl von Klöstern 
in Burgund, Aquitanien und im nördlichen Frankreich, darunter 
Fleury im Sprengel von Orleans, den Mittelpunkt der späteren 
spezifisch mittelfranzösischen Askese. Hier wurde gegen den Schluß 
des Jahrhunderts Abbo von Fleury ein überzeugter Kämpfer 
für kirchliches Recht und päpstliche Allgewalt. Zugleich ver⸗ 
trat er die Selbständigkeit der Abte und Mönche gegenüber 
den Bischöfen energisch. Diese Zentralisation der französischen 
Bewegung war doppelt wichtig dadurch, daß schon Odo sie in 
Verbindung mit dem Papsttum zu setzen und ihre Wirkungen 
nach Italien, vornehmlich nach Rom zu übertragen wußte, wenn 
auch zunächst noch ohne besondere kirchenpolitische Tendenzen. 
Nach Odos Tode (0942) stockte die Reform unter dem 
nächsten, mehr wirtschaftlichen Interessen zugewandten Abte, 
bis diesem im Jahre 949 Maiolus als Mitabt zur Seite trat. 
Maiolus förderte den Wohlstand des Klosters aufs trefflichste; 
er bildete während seiner langen Abtszeit — erst im Jahre 994 
starb er — das Prinzip absolutesten Gehorsams aller unter—⸗ 
geordneten Klöster und Mönche gegenüber dem Cluniacenser 
Hauptabt zum besonderen Kennzeichen der französischen Askese 
durch; er unterstellte eine große Anzahl weiterer französischer 
Klöster der Richtung Clunys; er trieb den Machtbereich der 
Reform vor bis auf das Gebiet des deutschen Reiches. Und 
doch war er selbst im Gegensatz zu dem schroffen Odo eine 
milde und versöhnliche Natur — aber es kam nicht auf die 
Persönlichkeit an: gewaltiger als sie wirkte die Macht der In⸗ 
stitution, welche er diente. 
Zugleich wußte er das engste Verhältnis der französischen
	        
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