Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

240 Sechstes Buch. Drittes Kapitel. 
anders geartete Person an sein Herz gezogen, die ihm, dem 
Sohn der neuen deutschen Renaissance, den vollen Strom der 
klassischen Bewegungen Frankreichs vermittelte: Gerbert von 
Aurillaci. Gerbert stammte von niedrig gestellten Eltern her; 
er hatte, im Kloster Aurillac durch feine Bildung zu Großem 
vorbereitet, schon früh in seinen eminent französischen Eigen— 
schaften Anerkennung gefunden: in der Klarheit und dem 
Schwung seiner Rede, in der besonderen Anlage für mathe— 
matisch- astronomische Studien, in der weltmännisch-glatten 
Verarbeitung der antiken Bildungselemente. Nicht lange litt's 
ihn im Kloster; fern war er aller Weltflucht; schon früh in 
Spanien, in Rom und am Hofe der Ottonen, verweilte er seit 
etwa dem Jahre 970 ein Jahrzehnt lang in Reims, jenem 
Mittelpunkte der französischen Renaissance, an der dortigen 
Domschule lehrend und lernend. Später bis zum Reimser 
Erzbischof aufsteigend, ward er tief in die inneren Wirren des 
westfränkischen Reiches verstrickt; sie führten allgemach zu einem 
offenen Zwist der nordfränkischen Bischofsrenaissance mit der 
asketischen Reformpartei der Cluniacenser und dem durch 
Gregor V. vertretenen Papsttum. Aus ihnen heraus flüchtete 
sich Gerbert Anfang des Jahres 997 zu Kaiser Otto nach 
Deutschland. 
Mit Gerberts Ankunft ward eine Fülle von Idealen in 
der Brust des kaiserlichen Jünglings bestärkt; aus den 
Schmeicheleien des zudringlichen Humanisten stieg vor seinem 
herauschten Selbstbewußtsein die kaiserliche Herrlichkeit des 
alten Roms übertrieben empor. Die asketische Reform der 
Kirche im Sinne Adalberts durch das Kaisertum, das Kaiser— 
tum nach den Worten Gerberts Weltmacht ob allen Staaten 
Europas: eine universale Gewalt in seinen Händen, eine uni— 
versale Kirchenreform unter ihr und durch sie: das erschien 
Otto als einzig würdige Aufgabe seiner Regierung. 
So verkannte er die nahen Gefahren der königlichen Re— 
Gerbert ist allerdings schon 970, 980, 994 an den Hof Ottos ge⸗— 
tommen (Uhlirz, Jahrb. unter O. II. [1902] S. 24. 189 f.), größeren Ein⸗ 
luß aber gewann er erst später.
	        
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