Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

242 Sechstes Buch. Drittes Kapitel. 
bon Ravenna durchgesetzt, obgleich diese Würde nicht frei war; 
jetzt, Anfang April 999, bestimmte er ihn aus kaiserlicher 
Machtvollkommenheit zum Papst. Gerbert nannte sich als 
Papst Silvester II., wohl in Erinnerung an jenen ersten 
Silvester, der nach der Meinung der Zeitgenossen das Patri— 
monium Petri, wenn nicht viel größere Teile des westlichen 
Imperiums aus den Händen Kaiser Konstantins schenkweise 
empfangen hatte. 
Der Kaiser aber lebte in durchaus universellen Träumen 
und Plänen; seinem Reich sollte die Kirche sich einordnen; die 
Grenzen des Imperiums sollten reichen, soweit zum Christen⸗ 
gotte gebetet ward. Weit hinter ihm lagen die Sorgen seines 
Ahnen Heinrich, die Mühen seines ottonischen Vaters und 
Großvaters; in reinen Zügen wollte er genießen, beleben, er— 
weitern, was jene erbaut und befestigt hatten. Seinen Ge— 
danken galt Deutschland nur noch als barbarische Provinz des 
Weltreichs; das Imperium konnte seine Formen nur in An⸗ 
lehnung an Altrom und Byzanz entwickeln; die Heimat des 
Kaisertums und seines Trägers mußte Rom werden, die Stadt 
der universalkirchlichen Gegenwart, der universalweltlichen Ver— 
zangenheit. 
So nahm Otto mehr als je ein deutscher Herrscher vor 
und nach ihm die absolute Gewalt über die ewige Stadt und 
ihre Umgebung in Anspruch; eine neue kaiserliche Municipal— 
verwaltung ward geschaffen und die alleinige Anwendung des 
Justinianischen Codex in Aussicht genommen. Diese Maßregeln 
wiederholten sich, ins Große gezogen, für das Gesamtreich. 
Nach dem Tode des Bischofs Hildibald von Worms ward 
Heribert, bald Erzbischof von Köln, der Archilogothet, Kanzler 
zuerst für Italien, dann auch für Deutschland; unter ihm 
arbeiteten meist Notare italienischer Geburt und kaiserlichen 
Rechtes. In der Nähe der kaiserlichen Person verschmolzen die 
Abstufungen der Beamtenwelt des byzantinischen, des römischen 
und des germanischen Hoflebens in verschwenderischer Ver— 
wirrung; neben den deutschen Herzog trat der kaiserliche
	        
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