Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 245 
und in Treuen fest zur Heimat nach Achen, in die barbarische 
Hauptstadt des Weltreichs. — 
Dem deutschen Geschichtsschreiber mag es schwerer fallen, als 
andern, Otto III. gerecht zu werden; er ist der einzige deutsche 
Kaiser, der sich seiner Nationalität geschämt hat!. Nur von 
kosmopolitischer Höhe aus wird man sein Wirken, seinen Charakter 
begreifen. 
Vater und Großvater hatten das deutsche Reich zum Uni— 
versalstaat zu erweitern gewußt; ihr Weg war dabei der des 
äußeren Kampfes gegen Langobarden, Griechen und Sarazenen 
zgewesen. Weder Otto J. noch Otto I. hatten auf diesem Wege 
das in der Natur der Dinge gegebene notwendige Ziel, den 
vollen Besitz Unteritaliens, erreicht. 
Otto II. versuchte diese Politik zu verlassen. Er ging 
von den inzwischen mächtig geschwollenen geistigen Strömungen 
Europas aus, die er ganz kannte, und deren wichtigste er voll 
in sich aufnahm. Indem er das Kaisertum in deren Dienst 
dellte, glaubte er, das Papsttum beherrschen zu können. So 
angesehen, hatten die unteritalischen Dinge nur nebensächliche 
Bedeutung. 
Das Unglück Ottos war, daß die geistigen Strömungen, 
deren Gewalt er an sich selbst erfuhr, so vor allem die der 
neuen Renaissance, in ihrem Kerne keineswegs nationalen, 
deutschen Charakters waren. Indem er sie erfaßte, entfremdete 
er sich der Nation, der er angehörte, aus deren kriegerischer 
Kraft das Imperium bisher alle Bedingungen seines Bestandes 
hergeleitet hatte. So versagte diese Kraft im entscheidenden 
Augenblick, und Otto III. ging zu Grunde. 
Handelte die Nation mit richtigem Instinkt, als sie den 
Universalherrscher fallen ließ? Man kann geneigt sein, die Frage 
zu bejahen. Nicht vom deutschen, nur vom römischen, italienischen 
Centrum her war ein wahrhaftes Universalreich des Mittel— 
1 Gerberti ep. Nr. 207. Von Gerbert wird Otto III. ep. Nr. 209 
genere Graecus, imperio Romanus genannt.
	        
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