Full text : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

nicht  möglich.  Bisher  pflegte  man  immer  von  der  „Kaufkraft  des
Geldes"  als  einer  allgemeinen  Erscheinung  zu  sprechen,  welcher  Ausdruck, ­
  weil  er  immer  absolut  und  nie  rein  subjektiv  genommen  wird,
gerade  so  gefährlich  und  irreführend  ist  wie  der  Wertbegriff.  Gewiß ­
  liegt  es  außerordentlich  nahe,  wenn  man  sieht,  daß  viele  oder
gar  alle  Waren  im  Preise  gestiegen  sind  —  letzteres  wird  aber  nur
in  seltenen  Fällen  vorkommen  —,  zu  sagen,  die  Kaufkraft  des
Geldes  sei  gesunken.  Dieser  Sah  aber  besagt  und  erklärt  nichts.
Cs  ist  durchaus  falsch,  daß  die  Preise  ein  objektiver  Ausdruck  der
Kaufkraft  des  Geldes  seien.  Denn  selbst  wenn  bei  einer  starken
Geldvermehrung  alle  Preise  steigen,  so  steigen  sie  doch  nicht
gleichmäßig.  Selbst  heute  aber  in  einem  Zustande  größter  Geldvermehrung
  sind  nicht  alle  Preise  gestiegen,  z.  B.  nicht  diejenigen  für
Wohnungs-  und  Ladenmieten,  für  Grundstücke  und  Käufer,  für
zahlreiche  Dienstleistungen,  manche  Effekten  usw.  Jener  Sah,  die
Kaufkraft  des  Geldes  sei  gestiegen  oder  gesunken,  ist  also  nur  ein
oberflächliches  Durchschnittsurteil,  hergeleitet  aus  einer  Anzahl
willkürlich  ausgesilchter  Preise.  Daher  hat  die  Feststellung  eines
durchschnittlichen  sog.  Preisniveaus  keinen  Wert  und  eine  Ausstellung ­
  von  Indexnummern,  in  der  die  Preiserhöhungen  einzelner ­
  Waren  die  Preisverminderungen  anderer  übertreffen,  woraus
dann  auf  ein  Sinken  „der  Kaufkraft  des  Geldes"  geschloffen  wird,
gibt,  wie  alle  derartige  objektive,  von  den  wirtschaftenden  Individuen ­
  abstrahierende  Betrachtungsweise,  kein  richtiges  Bild  der
Vorgänge  im  Tauschverkehr,  der  Beziehungen  zwischen  Geld,
Preisen  und  Einkommen.
Diese  erkennt  man  erst,  wenn  inan  nicht  Geldmenge  und  Preise
in  der  ganzen  Volkswirtschaft  einander  gegenüberstellt,  sondern
wenn  man  die  Beziehungen  zu  den  Einzelwirtschaften  und  ihren
Einkommen  beachtet.  Wenn  man  erkennt,  daß  nicht  das  Geld
im  bisherigen  Siime,  die  realen  Zahlungsmittel,  die  Güter  kaufen,
sondern  die  Einkommen,  dann  wird  auch  klar,  daß  Preisveränderungen ­
  nicht  ohne  Eiukommensveränderungen
möglich  sind.  Mit  jeder  Preissteigerung,  aus  welchen  Ursachen  auch
immer,  steigen  auch  irgendwelche  Einkommen;  die  häufigste  Art  von
Preissteigerungen  und  zugleich  die  häufigste  Ursache  weiterer
Preissteigerungen,  die  Steigerung  von  Arbeitslöhnen,  ist  zugleich ­
  auch  schon  eine  Einkommensteigerung.  Denn  die  Löhne  sin>
Preise  und  Einkommen  zugleich.  Daraus  ergibt  sich  klar,  daß  man
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