Uirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 813
das gelang, den Ungarn gegenüber jenes gute Verhältnis gegen—
seitigen Voneinanderabsehens aufrecht zu erhalten, das die letzten
Zeiten Heinrichs III. bezeichnet hatte.
Man versteht, daß dieser allgemeine, nun schon ein Jahr—
fünft hindurch langsam andauernde Verfall im Reiche überall
Unbehagen hervorrief.
Da wurde, kurz nach Ostern 1062, die allgemeine Unzu—
friedenheit zu einem der kecksten Handstreiche benutzt, von denen
die deutsche Geschichte meldet. Als Heinrich, der königliche
Knabe, eines Tages zu Kaiserswerth das Rheinufer betrat,
erbot sich der im Gefolge befindliche Kölner Erzbischof Anno,
ihm ein besonders schönes Schiff zu zeigen, das vor Anker lag.
Arglos betrat der König das Schiff. Da ward es vom Ufer
abgestoßen; gleichzeitig wurde die königliche Kapelle des könig—
lichen Kreuzes und der heiligen Lanze beraubt: Person des
Herrschers und Insignien des Reiches befanden sich in der Ge—
walt von Verschwörern.
Über die Motive der Verschwörer, deren Häupter Anno
von Köln, Otto von Nordheim und Ekbert von Braunschweig
waren, wissen schon die zeitgenössischen Geschichtschreiber nur
Vermutungen zu äußern: nicht quellenmäßig aufgeklärt ins—
besondere werden immer die wichtigen Fragen bleiben, inwiefern
Gottfried von Tuscien, inwiefern das Papsttum an dem Raube
beteiligt war.
Klar dagegen liegt das Ergebnis der Unthat. Wer im
Besitz der königlichen Person und der Reichskleinodien war,
der war zum Herrschen berufen; darum hatten schon die kar—
lingischen Herrscher die merowingischen Schwächlinge und deren
Kronen in ihr Gewahrsam gebracht. Die Kaiserin Agnes trat
jetzt vom Reichsregiment zurück; alten Neigungen folgend ist
sie später nach Rom gegangen, hat ihren Leib kasteit und
Kleider für Arme genäht. An ihre Stelle sollte zunächst ein
Reichsregiment desjenigen Bischofs treten, in dessen Sprengel
der König gerade weilte. Das war jedoch nur Schein. That—
sächlich lag alle Gewalt bei Anno. Aber wie er nicht ganz
den treibenden Kräften der Verschwörung entsprach, so ver—