Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Heinrich Iy.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 359 
vasores“ vertrat. Was aber der Synode von Piacenza ihre 
weltgeschichtliche Bedeutung gab, war die Verlesung eines 
Schreibens des byzantinischen Kaisers, das die Unterstützung 
des christlichen Abendlandes anrief gegen die Angriffe der 
heidnischen Seldschucken. Der Papst forderte zur Hilfe auf; 
viele Teilnehmer eines byzantinischen Zuges meldeten sich. 
Aber der Papst sann Größeres. Nicht bloß die christliche 
Weltmacht des Orients war jetzt im Verfall gleich der des 
Occidents, auch der Islam erlebte Zeiten des Rückgangs. In 
Spanien, in den italienischen Regionen des Mittelmeeres 
drangen die Christen siegreich vor gegen die Sarazenen, und 
schon waren, der doppelten Mahnung Clunys und Gregors VII. 
folgend, französische Ritter von Burgund aus den Spaniern 
zu Hilfe geeilt. Sollte es dem Papsttum nicht möglich sein, 
die Christenheit gegen die Herzlande des Islams kämpfend zu 
führen, zur Befreiung der orientalischen Kirche, zur Eroberung 
der heiligen Stätten des Morgenlands? Papst Silvester II. 
hatte den Traum wohl zuerst geträumt, doch unter der kaiser— 
lichen Anregung Ottos III.i; jetzt nahm Urban ihn von sich 
aus, als Stellvertreter Christi, im Gegensatz zum Kaiser, 
wiederum auf: ihm als Franzosen mußte es gelingen, die aben— 
teuerlustige romanische Welt für das große Ziel zu gewinnen. 
Am 18. November 1098 trat auf Urbans Geheiß die Synode 
von Clermont zusammen. Es wiederholten sich die Beschlüsse 
von Piacenza; der Kaiser ward gebannt, nicht minder, wegen 
Ehebruchs, König Philipp von Frankreich. Dann schritt Urban 
über die Könige des Abendlandes hinweg zur Verkündung der 
weltgeschichtlichen Aufgabe des ersten Kreuzzugs. 
Man weiß, wie sein Ruf bei den Franzosen und den fran— 
zöfischen Lothringern des deutschen Reiches gezündet hat. Ver—⸗ 
gessen, verborgen in einem Winkel Oberitaliens, saß der Herr 
der Christenheit, der Kaiser, während sich durch sein deutsches 
Reich unermeßliche Scharen dem Orient zuwälzten, meist sicherem 
Untergang, doch auch glänzender Siegespalme entgegen. Am 
15. Juli 1099 ward Jerusalem von den Resten der Gottes— 
1S. oben S. 243.
	        
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