Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 27
hatten langobardische Einfälle das Etschthal von Bozen bis
Meran dem Herzogtum entfremdet. Aber unter Tassilo, seit
dem Jahre 748, erfolgte ein neuer Aufschwung, dem die that⸗
sächliche Lostrennung vom Frankenreich trotz des beschworenen
Lehnsverhältnisses zur Seite lief. Tassilo vermählte sich mit
Liutberga, der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius: so
erhielt er das Etschthal zurück. Er wußte ferner die von Boni—
fatius endlich organisierte Kirche zu stärken, und er gewann den
wichtigsten Teil der Großen des Landes durch klug berechnete
Schenkungen zu unverbrüchlicher Treue. Vor allem aber dehnte
ꝛx sein Herzogtum gewaltig nach Osten aus.
Hier waren nach dem Abzuge der Deutschen die Slawen in
ihren kleinen Stämmen, den Dschupen, langsam vorgedrungen;
in friedlichem Fortschritt hatten sie wie Böhmen und Mähren,
so seit Mitte des 6. Jahrhunderts die Ränder der ungarischen
Tiefebene und die Gegenden zwischen Sau und Drau besetzt;
gegen Ende des Jahrhunderts beginnen schon ihre Kämpfe mit
den Baiern. In diesem Augenblick stürmte über sie die Wolke
der awarischen Eroberung dahin: von der Enns und dem Alpen⸗
rand bis Siebenbürgen, von der Adria bis nach Thüringen hin
erhob sich die Herrschaft eines nomadischen Volkes. Aber die
Slawen ließen sich des Zwischenfalls nicht verdrießen: unter
der äußeren Herrschaft der neuen Gebieter drangen sie weiter
in die Gegenden der heutigen Steiermark sowie nach Krain
und Kärnten vor, ja ergossen sich bis nach Dalmatien: selbst
die Küstenstädte der Adria fielen im Beginn des 7. Jahrhunderts
teilweise in ihre Hände. Inzwischen aber erlebte das Awaren—
reich die Zeit seiner höchsten Blüte: seit spätestens Mitte des
7. Jahrhunderts begann es zu sinken. Innere Umwälzungen
und äußere Mißerfolge, unglückliche Kämpfe mit dem Gechen⸗
fürsten Samo im Westen, mit dem emporstrebenden Reiche der
Bulgaren im Osten zerstörten die ursprüngliche Kraft; seit der
Mitte des 8. Jahrhunderts erstreckte sich das awarische Macht—⸗
gebot kaum noch auf die Slawen am Ostrand der Alpen: die
Zeit für bairische Eroberungen war gekommen.
Und trefflich nutzte Tassilo die Lage. Kriegerische Thätig—
keit und christliche Mission wußte er in gleicher Weise zu ent—
1ͤS. oben S. 14.