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Fünftes Buch. Erstes Kapitel.
wickeln: schon 772 galten die Karantanen als von Baiern ab—⸗
hängig, nachdem im Jahre 769 das Kloster Innichen an der
Pforte des Landes begründet worden war; 777 wurde die
Abtei Kremsmünster in das Mündungsgebiet der Enns zur Be—
kehrung und Unterwerfung der Slawen zwischen Donau und
Enns vorgeschoben.
Es waren die Anfänge einer Machtentfaltung, die Karl
den Großen allein schon zur Einverleibung Baierns in das
Frankenreich vermocht haben würden, selbst wenn Tassilo nicht
vermöge seiner Verschwägerung mit dem langobardischen Königs⸗
hause sich als dauernden Feind der fränkischen Politik in Italien
erwiesen hätte. Und gab es nicht jederzeit ein Rechtsmittel,
um gegen Tassilo vorzugehen? Der Herzog hatte die Lehns—
treue, die er König Pippin geschworen, gebrochen: es schien
das mindeste, wenn Karl, etwa im Jahre 781, auf deren Er—
neuerung bestand. Freilich half es dem Herzog nichts, daß er
den Eid, wohl gegen die Erwartung Karls, von neuem leistete
sechs Jahre darauf zog Karl mit drei Heeren gegen ihn zu
Feld. Die Veranlassung hierzu ergiebt sich aus der Über—
lieferung nicht mit völliger Klarheit; darüber, daß Karl den
Herzog verderben wollte, besteht kein Zweifel. Als nun nach
erneuter freiwilliger Unterwerfung des Herzogs und des Landes
— das ganze Volk mußte einen Treueid leisten — Tassilo sich
unterfing, mit Hilfe des allgemein gehaßten Landesfeindes, der
Awaren, seine Unabhängigkeit wieder anzustreben, da empörte
sich sein eignes Volk gegen ihn: auf einem Tage zu Ingelheim
ward er nach bairischem Rechte zum Tode verurteilt, aber von
Karl zur Einschließung in ein Kloster begnadigt!.
Die rücksichtslose Energie, mit der Karl die Selbständig—
keit des bairischen Herzogtumes brach, bewährte er auch gegen—
über der nunmehr eintretenden Notwendigkeit, die Verhältnisse
des deutschen Südostens von neuem zu ordnen. Baiern ward
auf fränkische Weise organisiert, die Awaren wurden in wieder—
holten Kämpfen fast bis zur Vernichtung geschlagen, bald ge—
hörte alles Land der Ostalpen zwischen Donau und Drau zum
—BVaol. Hauck? Bd. 2, S. 445 f.