Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 39 
aller Reform. Es war eine Richtung der Politik, die jeden 
inneren Zusammenhang mit den Thatsachen der fränkischen 
Verfassung, mit der sozialen Not des Volkes verloren hatte: mit 
Sicherheit erwartete der Klerus gelegentlich des nächsten Reichs— 
tages zu Worms, August 829, ihre Umprägung in die feste 
Form des Reichsrechts. 
Wer beschreibt da das Erstaunen des Episkopats, als nichts 
von alledem geschah: Das Wormser Kapitulare brachte einige 
elends Ansätze zu sozialer und wahrhafter kirchlicher Reform, 
von einer gesetzlichen Verkündung des Triumphes der Kirche 
über den Staat war keine Rede. 
Wo hatte der fromme Kaiser Mut und Einsicht her—⸗ 
genommen, dem allmächtigen Einflusse des Klerus zu trotzen? 
Im Jahre 818 war die Kaiserin Irmgard, die Ludwig 
mit drei Söhnen, Lothar, Ludwig und Pippin, beschenkt hatte, 
gestorben. Die Umgebung des Kaisers, von der er ganz ab— 
—D0 
tragen; wenige Monate nach Irmgards Tode heiratete Ludwig 
Judith, die Tochter des alamannischen Grafen Welf. 
Judith ist die erste Angehörige des Welfengeschlechts, die in 
den Geschicken unseres Volkes eine verhängnisvolle Rolle spielt. 
Wunderbar schön nach übereinstimmendem Zeugnis ihrer Freunde 
und Feinde, herrsch- und selbstsüchtig bis zur Unfähigkeit, 
fremdes Recht auch nur zu erkennen, neben dem unentschlossenen 
Kaiser ein Mannweib, tritt sie in die Geschichte. Im Jahre 
823 gebar sie dem Kaiser einen Knaben Karl: seit dieser an— 
fing, zu seinen Jahren zu wachsen, bildete den einzigen Gedanken 
ihres Daseins das unersättliche Streben, den nachgeborenen mit 
einem Reiche beschenkt zu sehen, mit mehr Land und Leuten, 
als seinen erwachsenen Brüdern versprochen war. 
Aber dem stand das feierlich beschworene Hausgesetz vom 
Jahre 817 und das Interesse des Klerus entgegen. Judith 
kümmerte das wenig. Zunächst war sie es wohl, die den Kaiser 
vermochte, mit dem Klerus zu brechen: so kam es zur Ab— 
lehnung der bischöflichen Forderungen des Jahres 829. Fast 
gleichzeitig verlieh der Kaiser durch eigenmächtiges Edikt dem 
kleinen Karl Alamannien, die Heimat der Kaiserin, nebst dem
	        
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