Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

* 
Fünftes Buch. Erstes Kapitel. 
Franken nicht im neuen Reich, ganz aus seinem Rahmen heraus 
fielen die Friesen. Es ist ein Verdienst Ludwigs des Deutschen 
und seiner Nachkommen, mit dem Erwerbe Lothringens erst 
Franken und Friesen beigebracht zu haben: die oftfränkische 
Geschichte des 9. Jahrhunderts ist, wenigstens vom Gesichts— 
punkt territorialer Erwerbungen aus betrachtet, keineswegs eine 
Zeit des Verfalls, sondern langsamen Fortschrittes. 
Dem entsprach es freilich, daß sich die alte Reichseinheit 
im Laufe des Jahrhunderts völlig auflöste. 
Zwar war auch nach dem Vertrage von Verdun der Be— 
griff des Gesamtreiches noch keineswegs aufgegeben; zur Ord⸗ 
nung der gemeinsamen Verhältnisse, der „Fraternität“, ver⸗ 
sprachen die Brüder in regelmäßigen Zusammenkünften ein— 
trächtig miteinander zu wirken. Allein wie hätte nach all den 
Treulosigkeiten der Vergangenheit das ideale Verhältnis einer 
Gesamtregierung hergestellt werden sollen! Zudem zerrissen bald 
Erbfolgezwiste das mühsam hergestellte Vernehmen. 
Im Jahre 855 starb Kaiser Lothar, von der Welt ver— 
achtet, ein Büßer, in der ehrwürdigen Karlingischen Familien— 
abtei Prüm, mitten in der Waldeinsamkeit der Eifel. Er hinter— 
ließ drei Söhnen je einen Teil seines Reiches, dem kräftigen 
Ludwig II. Italien, Karl Burgund und die Provence, endlich 
Lothar II. das nördliche Drittel, das Land der Franken und 
Friesen. In Lothar II. erhielt Lothringen, durch seine Lage 
vorherbestimmt zum Zankapfel zwischen der westlichen und öst⸗ 
lichen Linie der Karlinge, einen Herrscher, der die hassenswerten 
Eigenschaften seines Vaters in erhöhtem Maße besaß. Seine 
Ehehändel entsittlichten Laienadel und Klerus; als er im 
Jahre 869, meineidig vor seinem Land und dem sittenstrengen 
Papst Hadrian II., schnellen Todes starb, da war die Frage der 
Thronfolge völlig unübersichtlich und dadurch offen. 
Sofort stürzte sich der ostfränkische wie der westfränkische 
Oheim gleich gierig auf das Erbe. Anfangs erhielt Karl der 
Kahle einen Vorsprung vor Ludwig dem Deutschen: schon ließ 
er sich, 869, als lothringischer König in Metz krönen und rückte 
dann weiter vor bis zum kaiserlichen Achen. Aber es gelang 
ihm nicht, den Raub gänzlich zu wahren, Ludwig der Deutsche
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.