Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

74 J Fünftes Buch. Zweites Kapitel. 
das Volk zu einer mehr ästhetischen Würdigung der Bilder zu 
erziehen: die Gebiete der Malerei und, der Frömmigkeit sollten 
ganz auseinandergehalten werden!. Auf den rein künstlerischen 
Wert der Bilder wurde deshalb Nachdruck gelegt; und der erste 
Schritt auf der Bahn zur Befreiung der Kunst war gethan. 
Eine gewisse Gefahr schien jedoch der Zeit noch immer in 
dem Dasein großer Wandgemälde zu liegen. Die Buchmalerei 
dagegen bot keinerlei Anlaß zum Bilderdienst. War das einer 
der Gründe, warum sie sich schon früh besonders prächtig ent— 
wickelte? Jedenfalls wurde für die Ausstattung der Evangelien, 
der Bibel, der Ritualbücher an die besten Überlieferungen der 
frühchristlichen und selbst spätheidnischen Zeit in Italien an— 
geknüpft?. Byzantinische Vorbilder dagegen haben nur spärlich 
eingewirkt. Daß Karl ein erklärter Gegner der Byzantiner 
war, blieb eine Thatsache, die östliche Einflüsse hemmen mußtes. 
Und so entstanden dann aus einer Reihe sich kreuzender 
Motive heraus zunächst jene herrlichen Miniaturen des Wiener, 
Leitschuh S. 13. 
2 Diese beiden Einflußquellen werden von Leitschuh, Geschichte der 
Karoling. Malerei, 1894, an zahlreichen Beispielen überzeugend nachgewiesen. 
Dasselbe folgt für den Utrechtpsalter, so selbständig er auch sonst verfahren 
mag, aus Tikkanen, Die Psalterillustration im Mittelalter III 1900, für 
das Porträt aus A. Lehmann, Das Vorträt bei den altdeutschen Meistern 
1900 S. 23. 
3Bisweilen werden sich byzantinische Parallelen durch Annahme 
gemeinsamer altchristlicher Vorlagen erklären lassen; so Tikkanen an ver— 
schiedenen Stellen. Früh vermittelten oströmischen Einfluß suchte Dobbert 
(Gött. gel. Anz. 18900 Nr. 22 S. 878 ff.) nachzuweisen sogar für die Gruppe 
des Wiener Evangeliars Karls des Großen, das Achener und Brüsseler 
Evangeliar, sowie für das Evangeliar im Stifte Strahow (zusätzlich zur 
Publikation der Ada-Handschrift, vgl. Neuwirth in Mitt. der öst. Central⸗ 
romm. N. F. 14, 88 ff.). Byzantinische und auch syrische Einflüsse sind 
in der That nicht völlig ausgeschlossen. Allein sie helfen das Wesen der 
Karlingischen Kunst nicht mitgestalten, da sie fast stets verloren gehen, 
ohne verarbeitet zu werden. Man vgl. auch Springers Einleitung zu 
Kondakoffs Hist. de Part byzantin, Paris 1886 (russisch schon 1878), und 
Zucker im Repert. für Kunstwissensch. Bd. 15, 26ff.; ferner Leitschuh 
S. 50 f. u. ö.; Tikkanen S. 297 ff. u. ß.; Kraus II 1S. 30f., 77 ff.
	        
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