172 Neuntes Buch. Zweites Rapitel.
Lehnsherrn. Auch die Heiligen wurden in diese Auffassung
einbezogen, vor allem auch die Jungfrau Maria, und nicht
immer wurde ein völliges Umschlagen dieses Gedankenzusammen—
hanges in rein menschliche und allzumenschliche Formen ver—
mieden. Aber auch Gott selbst mußte sich ins Liebenswürdige
gezogene prometheische Vorwürfe gefallen lassen; so, wenn im
zweiten Büchlein, das unter dem Namen Hartmanns von Aue
geht, einmal geäußert wird:
Ob nu got nach dirre klage
und nach disem unmuote
mit deheinem guote
immer wil getroesten mich,
deswar so sumet er sich,
lat er mich truren in der jugent.
Wie stellte sich nun zu dieser Wendung, zum Siege der
Frau Welt über die Kirche der Klerus? Bisher hatte er,
zumal in seinen höheren Stellungen, den führenden Kreisen der
Nation mit angehört, ja sie hauptsächlich gebildet. Unterlag
er auch seinerseits der geistigen Wandlung?
Man vergleiche Gestalten wie die des heiligen Anno aus
den Jahren Heinrichs IV. und des großen Kanzlers Reinald
aus staufischer Zeit, beide Erzbischöfe von Köln: und man
wird sich der außerordentlichen Wandlung bewußt sein. Die
Bischöfe noch des 11. Jahrhunderts waren Seelenhirten, darum
standen sie im Investiturstreit zumeist zum Papste; die Bischöfe
des 12. Jahrhunderts waren Kirchenfürsten und darum zumeist
weltlich, kaiserlich gesinnt. Das Wormser Konkordat hatte ihre
Stellung dem Lehnsnexus der Laienfürsten vollkommen eingeordnet;
nicht minder, wie diese, ja mehr wie sie schlugen sie die Schlachten,
führten sie die Verhandlungen Friedrichs J. Umgeben von
einem emporblühenden Stand kirchlicher Dienstmannen, reich an
Landeserträgen, dem Reichsgedanken nicht minder zugethan wie
zur Zeit Ottos des Großen, wurden sie die Stützen der Monarchie
und den Laienfürsten in That und Einfluß mehr als ebenbürtig.
II, 591f. Vgl. u. a. auch Gottfrieds Tristan 6785 f.