Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 199
und den Künsten der Musik und, kam es hoch, auch des Reimens
ward die freie Zeit gewidmet. Darauf nahten die Jahre der
Knappenzeit; in männlichem Dienst, als Begleiter und Waffen⸗
träger eines Ritters bei den Freuden der Jagd und im Ernst
des Kampfes ward der Jüngling zum Waffenhandwerk heran⸗
gebildet; und einem der alten Hofdienste, dem Schenkenamt etwa
der der Kämmerei untergeordnet, erlernte er die Kunst pers önlich
korrekten Auftretens im Kreise der Vornehmen. Dann nahte
das Jahr der Vollendung und die Zeit des Ritterschlags, wie
er gern an hohen Festtagen oder nach heißer Schlacht vollstreckt
ward: der Jüngling trat, meist mit einundzwanzig Jahren —
viel später als einstmals seine Ahnen — hinaus ins Leben, er
gehörte der höfischen Gesellschaft an, sie allein mit ihren aristo—
kratischen Interessen bildete ihn weiter, und seine Ideale wurden
die großen Gestalten der Sagen und Romane, deren geheimnis⸗
vollem Schauer er sich hingab, ein Alexander, Artus und König
Karl, ein Erec und Iwein, ein Tristan und Parzival.
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Ein Leben nach solchen ritterlichen Idealen, getragen von
einem starken Einschuß realistischer Kraft, vermochte gewiß innere
Befriedigung und starkes Wollen für hohe Ziele zu verleihen.
Ein Wolfram von Eschenbach, ein Walther von der Vogelweide
haben es geführt. Bei ihnen erhob sich sogar der blasse
Konventionalismus der Frauenverehrung unter der Einwirkung
stark volkstümlicher Anlagen zu frischen Farben. Wolfram
kannte kein höheres Ideal, als das ehelicher Liebe, und Walther
wußte für den verehrungsvollen Dienst unerreichbarer Frauen⸗
schönheit konkrete Töne zu finden:
Swa ein edeliu schoene frouwe reine,
wol gekleidet unde wol gebunden,
dur Kkurzewile zuo vil liuten gat,
hovelichen hohgemuot, niht eine,
mbe sehende éin wenie under stunden,
alsam der sunne gegen den sternen stat,