Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 201 
Frauenverehrung folgte eine lange Zeit des Rückschlages in 
spöttelnde Geringschätzung. Man sprach von Minnethoren, und 
nicht oft genug konnten die Frauen es hören, daß langes Haar 
und kurzer Sinn ihnen eigen sei. Die noch immer nicht völlig 
gebrochene leidenschaftliche Sinnlichkeit der früheren Zeiten 
trat wiederum hervor, sie suchte Befriedigung in den alten 
niedrigen Sphären, schon Gottfried klagt: 
Minneé, aller herzen künigin ... 
diu ist umb kKouf geméine?“, 
Und bald darauf ward in österreich der Verkehr höfischer 
Ritter mit den Dirnen des Dorfes aufgenommen; statt des 
gespreizt getretenen Rundtanzes der Burg galt nun keckes 
Springen auf offener Heide, statt süßlicher Sehnsucht freches 
Begehren und rascher Genuß, statt des höfisch gemessenen Grußes 
der Frau der naive Minnelohn des Mädchens. 
Mit dem Frauenideal ging auch das Ideal ritterlicher 
Männlichkeit verloren. Entweder ward das Rittertum zu 
knabenhaftem Drang nach läppischen Abenteuern entstellt, oder 
es verwandelte sich — selten und nur bei großen Naturen — 
in einen Kampf für übersinnliche Interessen: in beiden Fällen 
verlor es das gesunde Volkstum unter den Füßen. Das hin— 
derte aber nicht, daß die große Masse der Ritter an den äußeren 
Formen ritterlichen Wesens, nur unter Ausscheidung des Frauen— 
dienstes, festhielt. Eine solche Wendung kam der Entstellung 
gleich. Kleinliche Interessen der nächsten Umgegend und die, 
wenn übermäßig getrieben, zu rohem Genußleben führende Be— 
schäftigung der Jagd füllten jetzt das Dasein des Ritters aus; 
das höfische Treiben verschwand trotz aller Wahrung der sozialen 
Außenformen; wüste Völlerei, der Kultus des Trinkens zog als 
etwas völlig Neues in die bis dahin edlerem Verkehr gewidmeten 
Räume der Burgen. Darauf traten die Frauen völlig zurück; 
sie wurden zu Frömmlerinnen, zu Nonnen ohne Gelübde. Die 
Männer aber entfalteten je länger je mehr wiederum eine ge— 
meine Geselligkeit des Hetärismus. 
1 Tristan 12273 f.
	        
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