200 Neuntes Buch. Zweites Kapitel.
der meie bringe uns al sin wunder,
waz ist da so wünnecliches under,
als ir vil minnéclicher lipꝰ
wir lazen alle bluomen stan,
unde kapfen an daz werde wip.
Aber so voller Ton war den meisten Dichtern, um wie viel
mehr der großen Masse der Ritter versagt. Führte der Frauen—
dienst schon als dichterisches Motiv zu krankhafter Sentimentalität,
so mußte er in der Wirklichkeit des Lebens vollkommene Ab—
surditäten ausbilden. Das würde eingetreten sein, auch wenn
die Form des Dienstes rein national entwickelt worden wäre; es
geschah doppelt rasch, da es sich um das Schicksal einer nur mühsam
erarbeiteten, nie völlig ins nationale Gleichgewicht gesetzten Kultur
handelte. Und glücklich noch, wenn sich der Zwiespalt zwischen
dem erträumten Ideal und der Wirklichkeit nur auf dem Ge—
biete der Dichtkunst äußerte, indem hier nie erlebte, nur kon
ventionelle Empfindungen vorgetragen wurden:
ich han nach wane dieke wol gesungen,
des mich anders niht bestuont,
erklärt schon ein Dichter der Frühzeit!. In den Zeiten des
Verfalls, seit etwa dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts,
trat der Gegensatz viel klaffender im wirklichen Leben hervor.
Schon die Helden der französisch-deutschen Romane aus der
Blütezeit, ein Lanzelet, Gawan, Erec haben etwas vom Don
Quixote an sich; Herrn AUlrich von Lichtenstein aber war es vor—
behalten, diese Vorbilder in abenteuerlichen Fahrten durch
Hsterreich und den Südosten, denen geschichtliche Wirklichkeit
teilweise nicht abgesprochen werden kann, noch um ein Erkleck—
liches zu übertreffen.
Aber eine noch schlimmere Wendung bereitete sich vor.
Während der Lichtensteiner und andere Herren, z. B. der thü—
ringische Ritter Waldmann von Sattelstädt, durch Liebesnarrheit
den Frauendienst praktisch unmöglich machten, begannen andere
ihn von vornherein zu verhöhnen; den Jahren übertriebener
1Reimar von Hagenau (Burdach S. 27)