232 FJ Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
Reimars am Wiener Hofe, führte seitdem ein unstätes Wander—
leben, wechselnd in seiner Parteinahme für die vielbewegten
Schicksale der Gegenkönige, doch beharrlich im nationalen
Schwung seiner Anschauungen, wurde im Jahre 1220 seßhaft
auf einem kleinen Lehen zu Würzburg, das er der Gnade
Kaiser Friedrichs II. verdankte, und entschwindet etwa 1228
der gesicherten Überlieferung. Er stammte aus ritterlichem
Geschlecht, doch war er erbelos; urkundlich ist er nur einmal
erwähnt; auch als Träger äußerer Schicksale ist er nur durch
seine Lieder unsterblich geworden.
Der Geburt nach zum ritterlichen Leben und zur höheren
dichterischen Kunstübung des Hofes bestimmt, ward er doch durch
seine Unhäbigkeit bei höchster dichterischer Begabung den Fahrenden
zugewiesen; erst spät atmete er an eigenem Herde auf:
nu enfürhte ich niht den hornung an die zehen!“
Aber seine Doppelstellung schuf auch seine Bedeutung. Leicht
beweglichen, sanguinischen Temperamentes, dabei viel erfahren
und höchst rezeptiv, und doch originell und selbstherrlich bis zu
unerträglicher Streitlust, ein Dichter der Wirklichkeit und Kraft
hat er das konventionelle Liebeslied mit der gesunden Sinnlich⸗
keit der Fahrenden befruchtet und das verloren gegangene Gleich⸗
gewicht zwischen unmittelbarer Liebeserfahrung und vermittelter
Reflexion wieder hergestellt. Nur seine frühesten Lieder stehen
unter dem Zeichen reimarscher Empfindsamkeit; bald macht er
sich von der ungesunden Fessel los und singt, wie ihm das
Lied erklingt, viel liebend und viel geliebt, den Preis hoher
wie niedrer Minne. So verwandelt er das Leben in Poesie
und die Poesie in Leben: unerreicht bleibt die Unmittelbarkeit
seiner Empfindung und Darstellung in mittelalterlichen Zeiten.
Zugleich aber erweitert er, ebenfalls aus seiner Doppel—
stellung als Fahrender und Ritter heraus, den Stoffkreis der
höfischen Dichtung. Vaganten wie Fahrende hatten schon im
12. Jahrhundert die Spruchdichtung gepflegt, teils im Sinne
Lachmann 28, 82.