Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

230 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
Worms; er war vermutlich schon um 1170 als Dichter thätig; 
auf dem Kreuzzuge des Jahres 1190 ist er gefallen. Er befand 
sich viel in der Umgebung Kaiser Friedrichs J. und des nach⸗ 
maligen Kaisers Heinrich VI.; vielleicht ist Heinrich durch ihn 
zu dem einzigen, von ihm erhaltenen Liede Jeh grüeze wit 
gesange die sueze angeregt worden, und gewiß mußten seine 
persönlichen Beziehungen zur Pflege der deutschen Dichtung 
durch die Staufer beitragen, wie sie in den späteren Generationen 
des Geschlechtes von König Philipp von Schwaben, Kaiser 
Friedrich II., Heinrich VII., Konrad IV, und Manfred von 
Sizilien opferreich geübt ward. 
Vom Mittelrhein aber wurde die neue sentimentale Lyrik 
durch Reimar von Hagenau nach Österreich getragen; schon vor 
1195 hat Reimar am Wiener Hofe gelebt, und bereits im 
Jahre 1190 war er vielleicht Begleiter des Herzogs Leopold VI. 
im Kreuzzuge Kaiser Friedrichs. Reimar muß als der be— 
zeichnendste Vertreter der Reflexionslyrik betrachtet werden. 
Eine weich angelegte Natur von einem wunderbarer Vertiefung 
fähigen Gemütsleben war er ganz zum Stimmungsdichter ge⸗ 
schaffen; daneben fehlte es ihm nicht an einer gewissen Dosis 
eitler Selbstbespiegelung; er machte Anspruch darauf, wert d. h. 
interessant zu sein. Seine Gedichte sind voll eingetaucht in die 
höfische Konvenienz unglücklicher Liebe; ihr Inhalt ist darum 
oft unpersönlich, farb- und gestaltlos; die Situation erscheint 
gleichsam hingehaucht und auch so noch verwischt durch die 
Irrfäden melancholischer Grübelei. Wie sticht von dieser 
gedankenblassen Kemenatenlyrik die Poesie Heinrichs von Morungen 
ab, des einzigen Vertreters der frühkonventionellen Lyrik in 
Mitteldeutschland. Vornehm und glücklich, aufbrausend in Haß 
und in Liebe, in Freude und Zorn, dabei von neckischem Humor 
und gelegentlich unverhüllter Sinnlichkeit nimmt er nach seiner 
Heimat — er lebte in Leipzig — wie nach seiner Beanlagung 
eine besondere Stellung ein im Kreise verwandter Dichter; 
Minnes. Frühling 5, 16. Nach Scherer, Deutsche Studien 2, 
4450 ist es etwa ins Jahr 1184 zu setzen.
	        
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