258 Neuntes Buch. Viertes Kapitel.
cenz III. den päpstlichen Stuhl bestiegen. Unerhörtes erwarteten
die Freunde der Kurie von ihm, und sie haben sich nicht ge—
täuscht. Von der fanatischen Frömmigkeit eines Gregors VII.,
dabei erfüllt mit gestaltungskräftiger, politischer Phantasie, von
angeborener Findigkeit in den kleinen Künsten des Diplomaten,
juristisch fein gebildet, theologisch gelehrt: so trat der junge
Papst sein Amt an, um es zur Weltherrschaft zu verwandeln.
Rasch erhob er das Papsttum aus dem tiefen äußeren Verfall
seit Alexander III. Er machte den römischen Stadtpräfekten
wiederum zum päpstlichen Beamten; er übernahm von neuem
die Gewalt im Patrimonium Petri; er unterwarf das Herzog⸗
tum Spoleto wieder dem römischen Stuhl und zwang den
Reichsvogt Konrad von Urslingen zum Abzug; er entriß
Markward von Anweiler Ravenna, Ancona und die Romagna.
Damit nicht genug, wußte er das Mathildische Erbgut mit
leilweisem Erfolg wieder zu beanspruchen und trat in enge Be⸗
ziehungen zum tuscischen Städtebund. So Herr von Mittel—
italien empfing er kurz vor dem Tode der Kaiserin Konstanze,
November 1198, die Vormundschaft über deren Sohn Fried—
rich II. und sein Reich Sizilien: fast zur selben Zeit, da ihm
der deutsche Welfenkönig das Recht an den Rekuperationen zu⸗
prach.
Auf dieser Höhe des Erfolges war Innocenz gleichwohl
nicht gewillt, das Entgegenkommen Ottos mit dem unmittel⸗
baren Eintritt der Kurie in den deutschen Thronstreit zu seinen
Gunsten zu beantworten. Für ihn hieß es die Errungenschaften
in Italien befestigen; das konnte nur geschehen, wenn die
deutschen Könige, durch päpstliche Neutralität in Deutschland
festgehalten, sich gegenseitig zerfleischten.
So blieb Innocenz neutral, und Deutschland sah die
Greuel eines Bürgerkriegs, unter denen namentlich die blühenden
Gegenden um den Harz und am Rheine litten. Endlos zog der Zwist
sich hin; ein Ende schien nur abzusehen, wenn einer der Könige
in seinen Mitteln völlig erschöpft sein würde. Unter diesen
Umständen dachte die siaufifche Partei an eine Diversion nach