Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

302 Zehntes Buch. Erstes Kapitel. 
die Niederfranken, Sachsen und Westfalen vornehmlich, so sind 
in Böhmen und Schlesien Mitteldeutsche, an der Donau Rhein— 
länder und Süddeutsche eingewandert. Das ganze Deutschland 
ist im Osten vertreten; nur so erklärt es sich, daß neben den 
großen niederdeutschen wie oberdeutschen Besiedlungsgruppen 
auch im Norden wie Süden überall, vornehmlich auch im fernen 
Preußen, mitteldeutsch gesprochen ward: so daß die Kolonial⸗ 
gebiete durchweg die Vorbedingungen für das Verständnis jener 
neuhochdeutschen Sprache aufwiesen, die Luthers Sprachgewalt 
aus den Anfängen kanzleimäßiger Abschleifungen entwickelte und 
zum festesten geistigen Bande des Gesamtvolkes umschuf. 
Aber lange bevor der kolonialdeutsche Charakter voll ent— 
wickelt war, hatten sich bereits die politischen Folgen der Kolo— 
nisation zu zeigen begonnen. Immer weiter rückte der Schwer—⸗ 
punkt der deutschen Geschicke nach Osten; Köln und Mainz, 
Worms und Basel wurden in ihrer überragenden Bedeutung 
jetzt abgelöst durch Lübeck, Nurnberg und Wien, und bald er⸗ 
wiesen sich in noch fernerem Osten Danzig und Thorn, Prag 
und Breslau, Preßburg und Hermannstadt als deutsche Emporien. 
Zugleich machte sich ein politischer Dualismus zwischen 
Mutterland und Kolonialboden geltend, bei dessen allmählicher 
Abwandlung das Kolonialland über die Heimat obsiegte. Schon 
der Streit zwischen dem Staufer Friedrich J. und Heinrich dem 
Löwen beruhte zum Teil auf dem Gegensatz der alten Kaiser— 
macht und der jungen Kraft des Kolonialfürstentums; noch 
ward er vom Kaisertum mit legalen Mitteln, mit Bann und 
Acht siegreich durchfochten. Minder günstig war die Macht 
verteilung schon im Kampfe Ottos und Philipps von Schwaben: 
hier gaben die Kolonialfürsten von Sachsen, Brandenburg und 
Böhmen den Ausschlag zu Gunsten Philipps. Wie aber waren 
Licht und Sonne gar anders verteilt in der zweiten Hälfte des 
13. Jahrhunderts! Da hatte Otokar von Böhmen auf kolo— 
nialem Gebiete ein weites Reich begründet, und der Sinn König 
Rudolfs ging nur anfangs dahin, den Böhmenkönig einfach zu 
demütigen: aber bald hat er das deutsche Zubehör des Cechen 
staates im Süden als Grundlage eigner Hausmacht erobert.
	        
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