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Fehntes Buch. Erstes Kapitel.
Flandern war schon durch den Vertrag zu Verdun an das
westfränkische Reich gekommen. Nun hatte allerdings Otto der
Große im Jahre 941 einen Teil des Landes nördlich von Gent
und jenseits der Schelde an das Reich zurückgebracht; er ließ
dicht bei der Abtei Sint Baafs zu Gent eine Burg bauen und
verlieh den Bezirk an einen Grafen aus billungischem Hause.
Allein dieser Teil wie gewisse Gebiete Niederlothringens rechts der
Schelde und endlich Seeland gelangten nach hartnäckigen Kämpfen
zwischen Kaiser Heinrich III. und den Grafen von Flandern
nach der Mitte des 11. Jahrhunderts doch wieder an diese als
Lehen: neben das alte französische Lehen, die Flandre sous la
couronne, stellte sich nunmehr Rijksvlanderen: die Grafen hatten
es fertig gebracht, ihre entfernte Lage von dem Centrum des
französischen wie des deutschen Reiches zur Ausbildung einer
Schaukelstellung zwischen beiden zu benutzen, ähnlich wie Venedig
lange Zeit in systematischem Schwanken zwischen abendländischem
und morgenländischem Imperium eine ganz oder nahezu unab—
hängige Stellung zu erringen gewußt hat.
Es ist die Politik eines Handelsstaates, der Verkehrsfreiheit
nach allen Seiten erstrebt. In der That ward sie in Flandern
zu einer Zeit eingeschlagen, wo sich aus den merkwürdigsten
Voraussetzungen hier im äußersten Westen der erste Industrie—
und Handelsstaat des nördlichen Europas entwickelte.
Der nördliche, bei weitem größeste Teil Flanderns birgt
seit den Zeiten der Völkerwanderung germanische Bevölkerung.
So stellt sich das Volk noch jetzt dar, so schildert es gegen An—
fang des 18. Jahrhunderts Wilhelm der Brite in seiner Phi—
lippeis: blondglänzenden Haars, von rotem Gesicht und weißer
Hautfarbe, in innerm Hader zerfahren, geeint, sobald es den
Franzmann bekämpfen heißt. Schwer ist freilich zu sagen, wes
Stammes die Einwohner sind; Vlaminc heißt Flüuchtling;
Franken und Friesen, vor allem auch Sachsen haben zur Bil-⸗
dung des Volkes beigetragen; das flandrische Gestade heißt schon
zu den Zeiten des Theodosius Litus Saxonicum, und der Hafen
von Hulst wurde noch bis zum Ende des 14. Jahrhunderts Sax—
haven genannt.