Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 307 
Das Land, das die Vlamingen einnahmen, bot lange Zeit 
nichts Verlockendes; vor einem Jahrtausend war es in der That 
ein Land der Elenden: sogar Gent heißt noch im Leben des 
heiligen Amandus ein locus iuxta Scaldim, qui propter fero- 
citatem gentis et terrae infoecunditatem praedonibus relictus 
ost, und noch im 16. Jahrhundert fand sich in der Umgebung der 
Stadt vielfach die Einöde des Moors und der Heide. Wenn aber 
jetzt der fruchtbarste Boden das ganze Land durchzieht, wenn 
fette Polder längs der Ströme und Meeresgestade locken, wenn 
jeder Rain im Feld, jede Straße in der Flur eingefaßt erscheint 
mit herrlichen, in Holzgärtnerei sorgsam gezogenen Bäumen, 
während fast kein einziger geschlossener Wald mehr im Lande 
sich findet: zur Zeit der Karlingen starrte an Stelle dieser hohen 
Kultur noch Moor und Sumpf, von kleinen Seen unterbrochen, 
und das feste Land war von Heiden (Woestynen) und unabseh— 
baren Wäldern bedeckt; nicht umsonst beginnt die sagenhafte 
Geschichte Flanderns mit der Erzählung von einem Urwald, 
darin der Riese Phinaert hauste; und noch die ältesten histori— 
schen Herrscher des Landes trugen mit Recht den Titel der 
Forestarii Flandriae. 
So war das Land bis zum Schluß des ersten Jahrtausends 
keineswegs ein Sitz hoher Kultur; was von Römerstädten spär⸗ 
lich genug über seine öde und unfruchtbare Fläche zerstreut lag, 
war längst zu elenden Dörfern geworden; kein Bischofssitz hat 
sich ihm zu nähern gewagt, fern in Lüttich, in Cambray, Doornik 
und Therouanne regierten die geistlichen Obern. Und während 
die südliche Kultur sich vom Lande der Flüchtlinge zurückhielt, 
drang von Norden her germanisches Heidentum ein. Früh schon 
im 9. Jahrhundert erschienen die Normannen an den Gestaden 
Flanderns auf flinkem Schiff; und erst das Jahr 944 sah die 
Peiniger zum letztenmale. 
Nur langsam mag unter all diesen Schwierigkeiten die 
germanische Bevölkerung im Lande heimisch geworden sein. 
Hatte sie anfangs die geurbarten Fluren keltischen und römi— 
schen Vorbesitzes bestellt, so war ihr, arm und unhäbig 
20*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.