Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Germanisation der Lande zwischen Eibe und Oder. 337 
den kapitalsammelnden, kapitalsbedürftigen Bürger fehlte. So 
wenig wie die orientalischen Reiche gegenüber den Hellenen, 
haben die Slawen gegenüber den Deutschen wirklich städtisches 
Leben begründen können. Wohl aber vermochte die fürstliche 
Gewalt, die, obwohl unfähig allseitig in die Ferne zu wirken, 
doch ungemein absolut eingriff, soweit der persönliche Wille des 
Fürsten sich unmittelbar zu äußern verstand, der Industrie 
Schutz zu gewähren unter den neuen Hörigen der Grenzhage. 
Hier, und später auch sonst im Lande, entstanden darum ganze 
Kolonieen höriger Handwerker, Dörfer, in denen eine Anzahl von 
Arbeitern desselben Handwerks zusammensaß: noch heute giebt 
es dechische Ortsnamen wie Zernoseky (Mühlsteinschläger), 
Kolodejc (Radmacher), Mydlovary (Seifenkocher), und innerhalb 
der schlesischen Fürstentümer wohnen nur Drechsler in Schick— 
witz, Stellmacher in Jaurowitz, anderwärts Böttcher, Schuh— 
macher, Korbmacher, Schmiede. Die Erzeugnisse dieser Kolonieen 
aber wurden durch fürstliche Agenten im Lande vertrieben: auch 
der Handel lag in der Hand des Fürsten. 
Doch das sind schon die entwickelteren Zustände der späteren 
deutschen Kaiserzeit, und es sind Bildungen, die vornehmlich 
den großen slawischen Fürstentümern in Böhmen und Schlesien, 
in Polen und auch wohl Pommern angehören. Die Elbslawen 
dagegen, denen die Deutschen zunächst entgegentraten, waren im 
wesentlichen auf dem Niveau rein agrarischer Kultur stehen 
geblieben; sie waren fürstenlos, sie zerfielen noch in kleine, durch 
Sumpf und Hag voneinander getrennte Stämme. Gleichwohl 
waren sie um die Zeit, da der magyarische Einfall Nord- und 
Südslawen für immer trennte, noch in langsamem Vorrücken 
nach Westen, über Saale und Elbe hinaus, begriffen. Ihnen 
trat dabei jetzt nicht mehr die gesammelte Macht des karlingischen 
Universalreiches, ja nicht einmal mehr die Kraft der geeinigten 
Ostfranken entgegen. Sachsen und Thüringer allein hatten sich 
ihrer zu erwehren; grausam, in blutigen Einzelunternehmungen 
wogte zwischen ihnen und den Sorben, Liutizen und Abodriten 
der Grenzkampf. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte III. 
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