Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

3602 Zehntes Buch. Zweites Rapitel. 
rischen Kultur der Deutschen, von der Kirche vermittelt, auch 
die geistige ein; in Meißen finden sich romanische Reste deutscher 
Architektur wie eines Kunstgewerbes deutscher Prägung dicht 
neben dem herrlichen Dome gotischer Zeiten — keine Kolonial— 
stadt des deutschen Ostens weist eine gleich reiche Verbindung 
frühdeutscher Kunstschöpfungen verschiedenen Stiles auf. 
In diese Zustände nun, die trotz einzelner Punkte hoher Kultur 
schwerlich zu einer vollen Germanisierung des Landes geführt 
haben würden, drang neuer Odem mit dem Aufschwung der 
deutschen Kolonisation im 12. Jahrhundert. Schon im Jahre 
1104 hatte der Graf Wiprecht von Groitzsch fränkische Bauern 
in seinen ausgedehnten Wäldern um Lausigk angesiedelt!; 
ihnen folgten bald Vlamingen, die Bischof Gerung von Meißen 
zuerst einführte?; und massenhaft drangen Niederländer wie 
andere Kolonisten ein mit der Zunahme der Landeskultivation 
durch die Klöster der Cisterzienser. Es kam so weit, daß in 
einem Orte, wie Bitterfeld, vlaemische Münzen geschlagen wurden; 
auch bestand hier und wohl auch anderswo Jahrhunderte hindurch 
eine besondere niederländische Anbaugenossenschaft unter dem 
Namen der vlaemischen Gesellschaft. . 
Durchschlagend indes für die Germanisierung namentlich der 
dem Erzgebirge näher liegenden Landesteile war erst eine völlig 
andere Entwickelung. Noch unter dem großen Wettiner Mark 
grafen Konrad (1123-1157) gab es keine Städte im heutigen 
Königreich Sachsen. Da wurden ums Jahr 1168 die Silbererze 
Freibergs entdeckt; bald darauf, im Jahre 1169, begann ihr 
Abbau. Er konnte nur durch deutsche Bergleute erfolgen; so 
strömte mit ihm deutsche Bevölkerung massenhaft herzu; es war 
ein Hasten und Rennen im Sinne heutiger Besiedlung der Gold⸗ 
gräberfelder des Auslands, und nach Analogie der kolonisatorischen 
Markgenossenschaften gebildete Gewerkschaften drangen unter einem 
Vorarbeiter ein in die dunklen Tiefen des Waldes und die unter 
ihm lockenden Erzgänge des freien Berges. Der Erfolg war außer—⸗ 
ordentlich, schon im Jahre 1225 besaß die Stadt Freiberg fünf 
Ann. Pegav. S8. 16, 247. 
⁊ 1154, Cod. dipl. Sax. II I, 50.
	        
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