Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Zehntes Buch. Zweites Kapitel. 
politischen Vorgang der Eroberung: denn hier hatte Graf AdolfII. 
von Holstein zuerst auf dem slawischen Gebiete Wagriens einen 
kleinen Kolonialstaat begründet'. Krieg und Raubzug hatten 
ums Jahr 1139 die Slawen dieses Gebietes zum Teil ver— 
nichtet: das Land war menschenleer. Darum sandte Graf Adolf 
Boten aus in alle Lande, nach Flandern und Holland, nach 
Utrecht, Westfalen und Friesland, und hieß alle jene, die Landes 
darbten, nach Wagrien kommen mit ihren Familien: da würden 
sie sehr gutes Land erhalten, geräumig, Fisch und Fleisch im 
Überfluß bietend, und strotzend von guter Weide. Auf dies Gebot 
erhob sich eine unzählige Menge aus verschiedenen Stämmen, 
und sie kamen mit Kind und Kegel ins Land Wagrien zum 
Grafen Adolf, das verheißene Land zu besitzen. 
So erzählt Helmold in seiner Slawenchronik?: es ist das 
erste Mal, daß ein mittelalterlicher Schriftsteller der neuen Be— 
siedelung in Norddeutschland gedenkt; erst in dem Augenblick, 
wo sie zu einem Vorgange von nicht mehr bloß wirtschaftlicher, 
sondern vor allem nationaler Bedeutung wird, erzwingt die Kolo— 
nisation sich das Wort der kargen zeitgenössischen Chronisten. 
Nach Wagrien aber kamen, wie Helmold des weiteren be— 
richtet, neben den benachbarten Holsten auch Westfalen, Lands— 
leute des Grafen, der aus dem schauenburgischen Hause stammte, 
es kamen auch Niederländer unter dem Sammelnamen der Hol— 
länder; in kleinen Dörfern, deren bis zu einem Dutzend ein 
Kirchspiel bildeten, besiedelten sie, wie noch heute der Augenschein 
darthut, das Land mit Ausnahme des äußersten slawisch bleiben— 
den Ostens: glänzend war die erste deutsche Kolonisation auf 
slawischem Boden gelungen. Gleichzeitig aber mit der Germa— 
nisation des platten Landes erbaute Graf Adolf an Stelle des 
slawischen Buku die Stadt Lübeck, zeitlich wie ihrer mittelalter— 
lichen Bedeutung nach die erste deutsche Stadt der Ostsee, den 
Hafen jener deutschen Auswanderer, die wenige Generationen 
später nach Livland und Preußen zogen, das Emporium des 
S. oben S. 846f. 
1. 57.
	        
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