384 Zehntes Buch. Drittes Kapitel.
nähern, wo die rein dechische Kultur eben von den deutschen
Städten aus angegriffen zu werden begann.
Es ist der kritische Augenblick; aber in ihm kam die deutsche
Besiedelung Böhmens zum Stillstand. Seit der zweiten
Hälfte des 14. Jahrhunderts begann die nationale Gegenwirkung
der Cechen gegen die drohende deutsche Ubermacht; in den
Husitenkriegen beseitigte sie anscheinend für immer die Gefahr
einer vollen Germanisation des dechischen Kessellaudes. Seitdem
haben Cechen und Deutsche in Böhmen bald in verborgenem
Haß, bald in auflodernder Fehde, immer aber Ellbogen an Ell—⸗
bogen nebeneinander gestanden.
Wer heute die böhmischen und mährischen Lande auf
der Eisenbahn durchreist, deren hohe Dämme so leicht weite
Einblicke in den nationalen und geschichtlichen Charakter der
durcheilten Feldfluren gestatten, der wird erstaunt sein über
den schroffen Unterschied nationalcechischen und nationaldeutschen
Anbaues, der ihm auch in den Gegenden alter Besiedelung
noch jetzt greifbar entgegentritt. In den centralen Landesteilen,
vor allem um Prag, die unregelmäßigen Parzellen der slawischen,
auf Hauskommunion zurückgehenden Flurverfassung, meist in den
Ebenen, nur die mäßigen Gelände emporkletternd und die Gipfel
der Hügel deckend, wie schlecht gelegte Schindeln ein langsam
ansteigendes Turmdach. Daneben aber in den gebirgigen Gegenden
vor allem der Sudeten, wie auch gelegentlich im Centrum des
Landes das System der Hagenhufe: im Thale längs des Baches
malerisch gebettete Höfe inmitten üppiger Wiesen, und von
ihnen nach Bergeshang und bewaldetem Gipfel auslaufend die
langen regelmäßigen Streifen des einheitlichen Hufackers: hier
ist deutsches Land, hier gründeten deutsche Männer der späten
Stauferzeit ein neues Heim auf rauher Wurzel, in den Wald
hinein und die Wildnis.
II.
Uber Schlesien empfangen wir aus dem Jahre 900 nach
fast tausendiährigem Dunkel ĩeine erste Nachricht: und schon zeigt
Die Nachrichten der Alten über die germanischen Völker Schlesiens