Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Achtes Buch. Erstes Kapitel. 
fand, hatte von jeher einen besonderen Charakter. Der Rhein 
wies in der letzten Strecke seines Laufes wie in seiner Verkehrs— 
verbindung mit der Maas gebieterisch hinaus auf das Meer— 
nach Flandern, nach England. Waren die übrigen Gebiete frühe— 
sten deutschen Eigenhandels in sich abgeschlossen, im wesentlichen 
dem Binnenverkehr zugeneigt: hier erstreckte sich der Handelsstrom 
über die engen kontinentalen Grenzen hinaus, und er traf in 
London wie an den festländischen Küsten des Ärmelkanals auf 
die letzten Ausläufer des großen orientalischen Handelsstromes, 
der sich durchs Mittelmeer und die Straße von Gibraltar nach 
dem fränkisch-germanischen Norden ergoß. Der niederrheinische 
Handel der früheren Kaiserzeit war der einzige internationale 
Handel Deutschlands, Köln am Rhein die einzige Seestadt des 
Reiches. Früh schon waren diese Verbindungen geknüpft worden; 
mit Recht vermutlich rühmten sich die Kölner Kaufleute des einstigen 
Schutzes ihres Londoner Handels durch den großen Kaiser Karl; 
ums Jahr 1000 werden sie den dauernden Verkehr der sächsischen 
Kaiserfamilie mit den Herrschergeschlechtern der Angelsachsen 
vermittelt haben; im 11. und 12. Jahrhundert war Köln un— 
bestritten die erste Handelsstadt des Reiches; nach Köln versetzte 
dies Zeitalter den einzigen Großkaufmann unserer mittelalterlichen 
Sage, den guten Gerhard. 
Und eben im Laufe des 12. Jahrhunderts trat nach einer 
Stockung des deutschen Verkehrs seit etwa 1070 ein neuer Auf— 
schwung ein, der den niederrheinischen und bald den gesamten 
rheinischen Verkehr noch mehr hob, zugleich aber glänzende Aus— 
sichten auf einen fruchtbaren Handel in den nordischen Meeren 
eröffnete. Infolge innerer Unruhen in den russischen Reichen 
war die alte orientalische Handelsstraße vom Kaspischen Meer 
zur Ostsee verödet; Kaufleute Genuas und Venedigs hatten sie 
nach dem Mittelmeer abgelenkt; in Asow gab es schon im 
12. Jahrhundert ein genuesisches Handelskonsulat. So waren 
die italienischen Städte, schon längst im Besitze der eigentlichen 
Mittelmeerstraßen nach dem Orient, nunmehr zu den einzigen 
europäischen Vermittlern der sagenhaften Erzeugnisse Persiens 
ind Indiens geworden. Und wie hob sich dieser Verkehr mit
	        
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