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Zehntes Buch. Drittes Kapitel.
den weichen, unzusammenhängenden Völkern der Letten und
Esten, daß sie aber nur gehalten werden konnte bei außerordent⸗
lich starker Einwanderung deutscher Elemente.
Hieran begann es schon früh zu mangeln. Welch außerordent—
liche Kraft der Ausbreitung hat unser Volk nicht um die Wende des
12. und 13. Jahrhunderts entfalten können! Ganz Ostdeutschland
wurdeüberzogen, besiedelt: kein Wunder, wenn man der Kaufmanns⸗,
Priester⸗ und Ritterkolonie an der Düna minder gedachte. Dazu
kam ein weiteres: eben um diese Zeit begannen die Deutschen
noch einmal von der Ostsee abgedrängt zu werden; eine feind—
liche Macht verschloß Lubeck, den großen Auswanderungshafen
nach dem baltischen Osten.
Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen, im Jahre 1181,
trat im damaligen deutschen Nordosten, an den Mundungen der
Elbe wie im heutigen Holstein und Mecklenburg eine bedenkliche
Auflösung der deutschen Kräfte ein. Kaiser Friedrich J. hat sie
peranlaßt: er zerschlug die Lande, die zum sächsischen Macht—
hereich Heinrichs gehört hatten, und übergab sie vereinzelt schwäch—
lichen Fürsten; er machte Lübeck vorzeitig zur Reichsstadt; aus
seinen Händen empfing Bogislaw II. von Pommern seine Herr⸗
schaft als Fahnlehen des Reiches!. Die reiche Ernte, welche
diese kaiserliche Politik an der Ostsee jedem Rivalen des deut—
ichen Einflusses verhieß, haben die Dänen eingeheimst.
Seit dem 12. Jahrhundert war Dänemark in eine Periode
des Verfalls getreten, nachdem es unter Kanut dem Großen,
dem Freunde Kaiser Konrads II., eine ungeahnte Ausdehnung
seiner Macht nach England und Norwegen erlebt hatte. 8war
gelang es im Beginn des neuen Jahrhunderts noch, als einen
Nachhall gleichsam früherer großer Zeiten, die kirchliche Selbst—
ständigkeit des Landes gegenüber den Ansprüchen des bremischen
Patriarchates zu sichern; im Jahre 1108 wurde Lund zum Erz—⸗
bistum des Dänenreiches erhoben. Allein bald darauf begann
Zum erstenmal war Pommern wirksam vom Reiche zu Lehen ge—
nommen durch den polnischen Boleslaw III. 1185. Reichsfürsten werden
die Pommernherzöge endgültig erst 1820, nach dem Aussterben der
askanischen Markgrafen von Brandenburg.