106 Elftes Buch. Zweites Kapitel.
Es war eine Lage, die vor allem den Luxemburgern zu⸗
zute kommen mußte. Sie waren die ausgesprochensten Träger
der fürstlichen Bestrebungen gegen Ludwig; sie hatten die besten
Beziehungen zu Frankreich und damit zum Papste. Und so
oersuchte der Altersvorstand ihres Hauses, der Trierer Erz⸗
bischof Balduin, seit dem Jahre 1846 offen für die Thron⸗
kandidatur Karls, des Sohnes König Johanns von Böhmen,
zu wirken. Er erreichte seine Absichten durch eine Reise nach
Avignon. Ihr wichtigstes Ergebnis war, daß der Papst die
Kurfürsten zu einer neuen Königswahl aufforderte, sonst werde
er einen neuen König durch Provision ernennen. So war denn
durch einen Kurfürsten herbeigeführt, was früher nur als
schmählichste Eventualität infolge französischer Eingriffe gedroht
hatte!: der Papst beanspruchte für sich das subsidiäre Recht,
den deutschen König zu ernennen! Was bedeuteten da noch
die Beschlüsse von Rhense und Frankfurt?
Und schon war Johann von Böhmen mit seinem Sohne
Karl in Avignon erschienen, um die Bedingungen entgegen⸗
zunehmen, unter denen der Papst zur Anerkennung des Königtums
und Kaisertums Karls bereit sein würde. Sie waren einfach:
Karl hatte alle Punkte anzunehmen, welche Ludwig zuletzt hatte
beschwören wollen; er mußte weiter alle Verordnungen und Er⸗
nennungen Ludwigs und seiner Statthalter in Italien für un—
zültig erklären, und er versprach, zum Zweck der Kaiserkrönung
aur einen Tag in Rom zu verweilen, auch ohne Erlaubnis des
Papstes niemals wieder nach Rom zu kommen. Es war seitens
Karls die vorurteilsloseste Drangabe aller Ruhmestitel des alten
Reichs; wird man einem unserer alten Reichspublizisten des
vorigen Jahrhunderts Unrecht geben, wenn er urteilt, Karl habe
mit diesen Zugeständnissen das königliche Scepter beschmußt?
Das Wahlgeschäft entsprach solchen Anfängen. Wir ver—
weilen nicht dabei. Genug an der Eingelheit daß der Erz⸗
bischof von Köln 100 000 Mark angewiesen erhielt — zur Be⸗
lohnung der Verdienste früherer Kölner Erzbischöfe um das
S. oben S. 20, vgl. auch S. 78.