Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

13. Kapitel. Die Arbeiterwohnungsfrage. 
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darf man natürlich nicht verallgemeinern; als typisch für die Arbeiter 
bevölkerung sind sie sicher nicht anzusehen. Aber die angegebenen 
Zahlen deuten auf Ursachen der sittlichen Verwilderung hin, die nicht 
ernst genug genommen werden können. 
Zu all dem kommt, daß gerade die Arbeiterschichten unverhältnis 
mäßig teuer wohnen gegenüber ihrem Einkommen. Die Wohnungs 
miete verschlingt trotz der unzulänglichen Größe und Beschaffenheit 
der Wohnungen einen zu großen Teil des Arbeitereinkommens, als 
daß nicht die wirtschaftliche Lage und die Lebenshaltung der Arbeiter 
darunter leiden müßte. Daß die Belastung mit der Wohnungsmiete 
für das Arbeitereinkommen oft zu hoch ist, läßt sich schon daraus 
schließen, daß vielfach der Bruchteil der Bevölkerung mit geringem 
Einkommen beträchtlich größer ist als der Prozentsatz der Wohnungen 
zu einem diesem Einkommen entsprechenden Preise. Die oben er 
wähnten neueren preußischen Erhebungen haben diese Verhältnisse in 
6 Städten näher beleuchtet. Dabei ist für die Einkommensstufe bis 
900 M. eine Miete bis zu 250 M. als annähernd entsprechend an 
gesehen worden. In Hannover, Charlottenburg, Posen und Danzig ist 
die Zahl der Wohnungen mit einem Mietwert von höchstens 250 M. 
viel geringer, als die der Einzelsteuernden mit höchstens 900 M. Ein 
kommen. In Hannover hatten 50,78%, in Charlottenburg 36,89%, in 
Danzig 70,23 %, in Posen 68,57 °/o der Bevölkerung (einschließlich An 
gehörige) ein Einkommen bis zu 900 M., während die Mietwohnungen 
zum Preise bis zu 250 M. in Hannover nur 38,21%, in Charlottenburg 
24,76%, in Danzig 65,83%, in Posen 59,70 % aller Wohnungen aus 
machten. Die Folge kann natürlich nur sein, daß die betr. Volks 
schichten entweder ihr Wohnungsbedürfnis zu schlecht oder zu teuer 
befriedigen. Dabei ist noch zu beachten, daß eine Miete von 200—250 M. 
für ein Einkommen bis zu 900 M. schon zu hoch ist. Nimmt man — 
wie es üblich ist — an, daß normalerweise höchstens Vs des Ein 
kommens auf die Wohnung verwendet werden kann, so würde der Be 
trag von 180 M. bereits die höchste Grenze darstellen, bis zu welcher 
Haushaltungen mit 900 M. Einkommen ohne wirtschaftliche Schädigung 
durch Wohnungsmiete belastet werden können. Durch zahlreiche Unter 
suchungen ist festgestellt, daß in vielen größeren Orten die Arbeiter 
erheblich höhere Mieten auf sich nehmen müssen, also überlastet sind, 
was natürlich nur auf Kosten der Befriedigung anderer Bedürfnisse 
geschehen kann. Die Arbeiter sind in der Regel hierin bedeutend 
schlechter gestellt, als andere Volksschichten mit besseren Einkommens 
verhältnissen. Das Statistische Amt in Leipzig hat für 1900 fest 
gestellt, daß der Anteil der Miete am Einkommen betrug: 
23% bei den Einkommensklassen bis 1100 M. 
19,02°/o „ „ „ von 1100—2200 M.
	        
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