Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

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II.  Teil.  Arbeiterwohlfahrtspolitik.

heiten  auf  die  Wohnungsgenossen  und  damit  auch  auf  andere  dauernd
begünstigt  wird.  Typhus  und  namentlich  Tuberkulose  kommen  hier
stark  in  Betracht.  Beide  sind  nur  zu  häufig  ständiger  Gast  in  den
Wohnungen  der  ärmeren  Volksklassen,  weil  die  WohnungsVerhältnisse
und  die  geringen  Einkünfte  oft  die  Befolgung  der  elementarsten
Vorsichtsmaßregeln  gegen  die  Ansteckungsgefahr  unmöglich  machen.
In  demselben  Kaum,  in  welchem  ein  schwindsüchtiges  Familienmitglied
die  letzten  Stadien  seines  furchtbaren  Leidens  durchkämpft,  lebt,  ißt,
trinkt  und  schläft  oft  die  ganze  Familie,  ja  es  fehlt  nicht  an  Beispielen, ­
  in  denen  auch  das  Bett  des  Kranken  noch  von  einem  Familienmitgliede
  geteilt  werden  muß.  Gegen  die  Tuberkulose,  diese  furchtbare ­
  Geißel  der  breiten  Volksschichten  in  allen  Kulturländern,  hat  man
allenthalben  mit  anerkennenswerter  Energie  den  Kampf  aufgenommen,
und  insbesondere  arbeiten  die  deutschen  Invalidenversicherungsorgane,
wie  schon  gezeigt,  hierbei  kräftig  mit.  Aber  der  Erfolg  aller  solcher
Bemühungen  muß  sehr  beeinträchtigt  werden,  wenn  nicht  auch  durch
Besserung  der  Wohnungsverhältnisse  günstigere  Vorbedingungen  geschaffen ­
  werden.
Daß  in  den  überfüllten  Wohnungen  die  Sterblichkeit,  namentlich
die  Kindersterblichkeit  besonders  groß  ist,  kann  nicht  auffallen,  so
wenig  auch  übersehen  werden  darf,  daß  die  allgemeinen  Lebensverhältnisse ­
  der  beteiligten  Volksschichten  hier  stark  mitwirken.
Nicht  minder  gefährlich  sind  ungünstige  Wohnungsverhältnisse  in
sittlicher  Beziehung.  Das  Familienleben,  dessen  Gesundheit  für  die
arbeitenden  Schichten  von  allergrößtem  Wert  ist,  wird  durch  überfüllte ­
  Wohnungen  untergraben.  Mangel  an  Ordnungs-  und  Reinlichkeitssinn, ­
  an  Verträglichkeit  und  Selbstzucht  entwickeln  sich  hier  leicht.
Die  Neigung  zum  Wirtshausbesuch  und  zum  Trunk  wird  gesteigert,
und  nicht  selten  greift  eine  sittliche  Verrohung  um  sich,  die  man  mit
ernster  Sorge  sehen  muß.  Beachtenswerte  Beispiele  dafür  hat  in  der
5.  Generalversammlung  des  Rheinischen  Vereins  zur  Förderung  des
Arbeiterwohnungswesens  ein  Bericht  des  Landrats  Schmidt  über  die
Erfahrungen  mit  der  Fürsorgeerziehung  gegeben.  In  dem  Bericht
wird  die  Verwahrlosung  der  Kinder  auf  ihre  Ursachen  untersucht.
Dabei  zeigt  sich,  daß  die  Überfüllung  der  Wohnungen  in  Verbindung
mit  der  ungenügenden  Zahl  der  Betten  von  erheblichem  Einfluß  ist.
Es  fand  sich  z.  B.  nur  ein  Bett  vor  in  8  Fällen  für  je  2  Personen,
in  7  Fällen  für  je  3  Personen,  in  2  Fällen  für  je  4  Personen,  in
2  Fällen  für  je  6  Personen,  in  je  1  Falle  für  7,  9  und  11  Personen.
Zwei  Betten  fänden  sich  in  44  Fällen  für  je  3  Personen,  in  33  Fällen
für  je  4  Personen,  in  33  Fällen  für  je  5  Personen,  in  19  Fällen  für  je
6  Personen,  in  12  Fällen  für  je  7  Personen,  in  8  Fällen  für  je  8  Personen, ­
  in  je  1  Falle  für  9  und  10  Personen.  So  ungünstige  Zustände
            
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