Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 89
die goldene Zukunft der Freiheit gewinkt — und jetzt war er
nicht seiner Leibesnahrung mehr sicher. Und niemand fühlte
zunächst mit ihm, außer etwa der niedere Klerus und der Haufe
der Landsknechte, der aus den kräftigsten seiner verlorenen
Söhne gebildet war. Ja mehr noch: er ward verhöhnt und
verachtet. Von Neidhard von Reuenthal bis zu den Satirikern
des 16. Jahrhunderts läuft eine ununterbrochene Kette von
adligen und bürgerlichen Spöttern, und hatten die ritterlichen
Zeiten sich mit leiser Persiflage begnügt, so fuhr das städtische
Fastnachtsspiel und der bürgerliche Schwank grob darein mit
der Wendung:
Der Bauer ist an Ochsen statt,
Nur daß er keine Hörner hat;
und Flegel und Filzhut, Karrensetzer und Ackertrapp wurden
zu noch verhältnismäßig anständigen Bezeichnungen des Manns
oom Lande.
Es handelte sich dabei nicht bloß um schlechten Scherz.
Die allgemeine Verhöhnung nicht minder, wie der grobe und
tölpelhafte Luxus, in dem der Bauer sich äußerlich den andern
Ständen gleichstellen wollte, zeigten mit erschreckender Klarheit,
daß der Bauer ausgeschieden war aus der Reihe der fort—
schreitenden, auf gleicher Linie der Entwicklung sich bewegenden
Stände, daß er zum sozialen Paria geworden war. Wer ver⸗
stand seine Bildung noch, sein Denken und Fühlen? Alter—
tümlich war es und wies in tausend Rechtsformen und aber—⸗
gläubischen Gewohnheiten, in Sitte und Brauch zurück in die
frühe Vorzeit unseres Volkes. Über ihn hin gegangen war die
lateinische Bildung des Klerus in der karlingischen und otto—
nischen Renaissance, die dichterische Bildung des Ritterwesens
der Stauferzeit, die Entfaltung des bürgerlichen Geistes im
14. Jahrhundert. Sollte er auch ferner noch weiter unter—
drückt werden? Sollte er der unwissende, elende, verachtete
Sklave werden seines Volkes? Das war die Frage.