Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

30 Vierzehntes Buch. Zweites UKapitel. 
IV. 
Es war ein hervorragend nationales, öffentliches Interesse, 
daß dem Verfall der bäuerlichen Kultur entgegengetreten würde. 
Es war nicht minder ein öffentliches Interesse, daß die hyper— 
trophischen Auswüchse der Geldwirtschaft in den Städten be— 
schnitten würden. 
Haben Staat und Gesellschaft des ausgehenden Mittel— 
alters diese Aufgaben verstanden? Und haben sie sie gelöst? 
Die öffentliche Meinung ist über die zunehmenden Schäden 
in Stadt und Land nicht im Unklaren geblieben. Namentlich 
die auffallendste Erscheinung, die Entwicklung des kapitalistischen 
Individualismus, erfüllte sie mit Zorn und Bedenken. Schon 
Rulman Merswin betont nach der Mitte des 14. Jahrhunderts, es 
sei der greulichste Geiz unter den Kaufleuten aufgestanden; früher 
begnügten sich die Kaufleute mit kleinem Gut; jetzt machen sie 
Teuerung in Korn und Wein. Gegen die Monopolgesellschaften 
wie überhaupt gegen die Vergesellschaftung des Unternehmer— 
kapitals wendet sich dann bereits die Reformation Kaiser Sig— 
munds vom Jahre 1488; sie ist über die zu Grunde liegenden 
wirtschaftlichen Zusammenhänge völlig klar; gegen die Ringe 
schlägt sie schon gesetzgeberische Maßregeln vor, deren Durch— 
führung nach manchen Seiten in der That Abhülfe geschaffen 
haben würde. Seitdem aber hört die öffentliche Kritik des kauf— 
männischen Kapitalismus überhaupt nicht mehr auf; Luther 
giebt ihr nahezu ein Jahrhundert später nur eine neue Form, 
wenn er mit dem Propheten ausruft: Wehe denen, die ein 
Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen 
bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das 
Land besitzen! 
Vor allem waren es aber auch im 16. Jahrhundert noch 
die Ringe und Gesellschaften, gegen die man sich wandte. 
Luther meinte, der ausländische Kaufhandel, der aus Kalikut 
und Indien und dergleichen Ware bringt, als solch köstlich 
Seiden- und Goldwerk und Wurze, die nur zur Pracht und 
keinem Nutz dient und Land und Leuten das Geld aussauget,
	        
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