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Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
und mag niemand sie zähmen. Wo aber eine Ordnung wäre,
daß sie müßten im Gehorsam gehn und fie niemand aufnähme
an andern Orten, hätte man diesem Übel ein großes Loch
gestopft. Es war schon nicht mehr der Gedanke einer organi—
schen Reform, sondern nur noch der einer Repression, deren
Durchführung die Katastrophe nicht mehr vermeidbar machen
konnte. Sehr begreiflich, denn schon war das Proletariat viel—
fach dem reinen Bettel zugesunken. Dem späteren Mittelalter,
dessen religiöses Ideal das Armutsleben Christi und seiner
Jünger war, galt die Armut als heilig. Und in der That:
trug das Armutsleben den Charakter stoischer Resignation und
glücklicher Fügsamkeit unter den Willen Gottes, so war eine
solche Anschauung den edleren Trieben des spätmittelalterlichen
Geisteslebens völlig angemessen. Aber schon in den dreißiger
Jahren des 15. Jahrhunderts mußte ein klardenkender Geist
mahnen: alles abmüssen sol diemüteklich empfangen wer—
den, trewlich behalten werden, nutzlich angelett werden,
gnadenreichlich verdient und trostlich genossen werden
und zu frucht gebracht werden. Von solcher Auffassung
war einige Generationen später nur noch in Ausnahmefällen
die Rede. Der Bettel war zu einer unerträglichen Landplage
geworden, darin alle Deklassierten ein mit christlichem und
kirchlichem Nimbus umgebenes Dorado fanden: die hehrsten
Ideale einer früheren Zeit erschienen so in den Kot gezogen,
und mit der Armut verband sich eine im innersten Grunde
unsittliche Lebenshaltung.
Und wie sollte man mit diesen Zuständen aufräumen, so
sehr man sie kannte und beklagte, wenn sie in den höheren
ländlichen Schichten gleichsam ein nur noch ekelhafteres Spiegel—
bild fanden! Auch der Adel war verarmt und einem elenden
Räuberleben anheimgefallen. Und er rühmte sich dessen noch.
Ruten, roven, dat en is ghein schande,
dat doint die besten van dem lande
lautete ein bekannter westfälischer Spruch aus dem Ausgang
des 15. Jahrhunderts, und Hutten führte in seinem Dialog