Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 105
höriger Abstufung, und in der rein geldwirtschaftlichen Ent—
wicklung der Städte während des 12. bis 16. Jahrhunderts
wurde die Zeit sozialistisch gilden- und zunftmäßiger Auffassung
abgelöst durch eine Spätzeit des kapitalistischen Individualismus.
Unter diesen Umständen war während der rein mark—
genossenschaftlichen Periode, also bis tief ins 6. Jahrhundert
hinein, wie während der städtischen Entwicklung des 12. bis
14. Jahrhunderts die Möglichkeit der Ausbildung sozialistischer
Wirtschaftsanschauungen auf germanischem Boden von vorn—
herein gegeben. Diese Anschauungen aber überdauerten beide—
male die Institutionen, daraus sie hervorgingen; niemals ist
deshalb die sozialistische Betrachtungsweise in Deutschland aänz—
lich geschwunden.
Wesentlich trug hierzu wohl auch die Thatsache bei, daß
innerhalb der mittelalterlichen Kirche das kommunistische Ideal
zu jeder Zeit genährt ward. Die Grundlage bildeten hier die
Anschauungen des Neuen Testaments. Die Lehren Christi be—
wegen sich auf der Grundlage einer hohen individualistisch-geld⸗
wirtschaftlichen Kultur; zur Zeit seines Erscheinens hatten die
Juden ihr naturalwirtschaftliches Zeitalter mit der so charakteristi—
schen Erscheinung eines vielleicht einst vorhanden gewesenen Hal⸗
jahrs längst abgestreift. Allein der Herr strebte vom Standpunkt
sozialer Gerechtigkeit aus einen Ausgleich der Schäden jeder indivi—
dualistischen Wirtschaftsform an, indem er das Ideal einer all—
gemeinen wirtschaftlichen Gleichheit als die Erfüllung der Zeiten
gelegentlich andeutete und mit den Begriffen des Friedens, der
Freude, der sittlichen Ausgeglichenheit verband. So bieten die
Lehren des neuen Testaments jedem Zeitalter glückliche Anregung
zu sozialem Denken: denn sie konzentrieren sich nicht in der Forde—
rung konkreter Institutionen, sondern nur in dem Wunsche nach
sozialer und sittlicher Vollkommenheit in Friede und Recht.
Allein schon die Apostelgeschichte entwickelte aus den
Lehren Christi einen praktischen Kommunismus gegenseitiger
Liebe. Und das war das Ideal, das die Kirche des Römer—
reiches gegenüber der Herrschaft eines brutalen wirtschaftlichen
Egoismus aufnahm und weiter bildete: die Väter waren noch