108 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
zur heiligen und göttlichen Einigung zunächst der Deutschen
und Cechen auf, um eine gerechte Verteilung des Besitzes und
Genusses herbeizuführen. Und den böhmischen Ketzerbriefen
folgten in den dreißiger bis siebenziger Jahren des 15. Jahr—
hunderts, wenn nicht länger, husitische Sendboten, freiwillige
und ausdrücklich ausgeschickte: „es war recht ein Lauf für
arme, üppige Leute, die nicht arbeiten mochten und doch hof—
färtig, üppig und öd waren; denn man fand viele Leute in
allen Landen, die als grob und schnöd waren und den Böhmen
ihrer Ketzerei und Unglaubens gestunden, so sie glimpflichst
konnten . .. Sie hatten die Pfaffen zu Wort, und wie
jedermann mit den andern teilen sollte sein Gut: was auch
vielen schnöden Leuten wohl gefallen hätte.“ So erzählt die
Klingenberger Chronik von Zürich, und das bedeutendste Pro—
gramm husitischer Abkunft, die angebliche Reformation Kaiser
Sigmunds vom Jahre 1488, weist ihrer Entstehung nach auf
Schwaben und Alemannien.
Und gerade hier wirkte noch ein anderes Vorbild revolutio—
när, freilich mehr politisch als sozial: es war das Beispiel
der Schweiz. Unvergessen war im benachbarten Deutschland
der Freiheitskampf der Eidgenossen gegen das Haus Habsburg,
und sie selbst frischten dessen Gedenken auf durch neue Helden—
thaten gegen den burgundischen Tyrannen. Wie gern hätte
man ihnen nachgeeifert; der politischen Befreiung hätte die
soziale ohne weiteres folgen müssen. So wurde das Wort
„schweizerisch werden wollen“ geradezu zum typischen Ausdruck
für jederlei Emanzipationslust; durch ganz Deutschland machte
es die Runde.
Das alles zusammen waren Momente, welche die revolutio—
näre Strömung schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zur
habituellen machten; es fiel nicht auf, wenn Geiler von Kaisers—
berg in einer Predigt des Hungerjahres 1481 den Andächtigen
die Aufforderung zurief: Laufet den reichen Leuten in ihre
Häuser, die Korn haben,; ist es beschlossen, schlagt es mit einer
Art auf und nehmet Korn an ein Kerbholz!
In der That wüteten, als Geiler diese Worte sprach,