Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 115
Auftauchen allgemeiner Anschauungen, die den Beladenen der
Nation glänzende Traumbilder allgemeiner Besserung verlockend
vorführten. Denn Revolutionen bedürfen zu ihrer Vorbereitung
wohl materiellen Unbehagens und äußeren Unglücks; durch⸗
geführt aber werden sie erst dann, wenn die Menge vom fana⸗
tischen Glauben an ideale Vorstellungen gepackt wird: auch
hier übertrifft die Kraft des Gedankens jede andere Macht
geschichtlicher Entwicklung.
Auf diesem Gebiete hatte man aus dem 14. Jahrhundert
die mystische Hoffnung auf einen Kaiser überkommen, der vom
Morgeulande daher ziehen werde gewaltig, der letzte seines
Namens, der Unrecht beugen und ein allgemeines Reich der
Ruhe und des sozialen Friedens stiften werde, ein Vorläufer
der himmlischen Herrschaft Christi. Es ist eine Idee, die immer
zäher und phantastischer haftete im Gemüte des Volkes; als
die sozialistischen Ideen des Husitismus nach Deutschland
drangen, republikanisch, kaiserlos, da hat die deutsche Meinung
sie alsbald monarchisch gewendet, indem sie ihre Durchführung
don dem mystischen Kaiser der Zukunft erhoffte. Hatte man
dabei früher an die Wiederkunft Friedrichs II. als des Erlösers
aus aller Unterdrückung geglaubt, so übertrug man jetzt seine
Hoffnungen auf Kaiser Sigmund, und als dieser sie täuschte,
sogar auf den schlafseligen Kaiser Friedrich; noch im Jahre
1475 forderte ein Volkslied ihn auf, endlich seines hohen Be—
zufes Erfüllung zu suchen. Und als schließlich Friedrich sich
auch dem blödesten Auge als zum Reformator nicht geschaffen
erwies, da gab es noch immer arme Leute im Reiche, die neue
Frwartungen an seinen Sohn, den jugendschönen Maximilian
hefteten.
Die Masse der Bedrückten aber zog jetzt, enttäuscht von
der Kaiseridee, eines andern Weges. In den Jahren 1480
his 1490 ist die Reformation Kaiser Sigmunds, das erste und
heste Programm sozialer Reform auf biblischer Grundlage,
biermal gedruckt worden; weitere Drucke folgten in den Jahren
1520 und 1521. Man ward vollends sozialistisch und man
hegann die Forderungen des sozialistischen Programms immer