Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 119 
mäßig verbunden waren. Und seine Gedankenrichtung war 
nicht mehr bedingt durch irgendwelchen genossenschaftlichen 
Zusammenschluß; allein erprobte er seine rechnerische Kom— 
binationsgabe, frei entwickelte er den Sinn für individuelle 
Anhäufung von Kapital. Und nicht bloß die mittelalterlich— 
genossenschaftlichen Fesseln sprengte seine Thätigkeit, auch den 
engen Banden der Familienverfassung entrang er sich. In der 
Familienwirtschaft trat mit steigendem Reichtum der sachliche 
Gesichtspunkt immer mehr hervor; die geschäftlichen Rücksichten 
überwogen zuweilen schon die der Familie, bis schließlich 
Familienwirtschaft und Geschäft sich äußerlich trennten und 
seben der Hauswirtschaft die Firma entstand. Es war das 
zu einer Zeit der Fall, da der Kaufmann zugleich längst die 
bersönlichen Beziehungen, die dem Grundeigentum des Mittel⸗ 
alters auch in den Städten mehr oder minder anhingen, von 
seinem Aktionskapital abgestreift und ein Vermögen, das auf 
vertragsmäßigen Grundlagen rein sachlicher Art beruhte, er⸗ 
worben hatte, ein Vermögen, das ihm sein Sonderdasein und 
die Möglichkeit freien Handelns verbürgte. 
Selbstverständlich, daß alle diese Wandlungen, wie sie sich 
in der Entwicklung jeder großbürgerlichen Familie vom 14. 
zum 15. Jahrhundert mehr oder minder vollständig verfolgen 
lassen, eine ganz andere psychologische Luft schufen. Die sitt— 
lichen Bande des mittelalterlichen Familienlebens, der mittel⸗ 
alierlichen Genossenschaft, des mittelalterlichen Rechts überhaupt 
waren in diesen Kreisen zerrissen; die Intelligenz regierte und 
der Wagemut; man trat aus sich heraus; die Persönlichkeit 
galt und wurde deshalb in kräftiger Erziehung entwickelt; 
schon stellte sich Hasten nach leichtem Gewinn und die kauf⸗ 
männische Prostitution der Perfönlichkeit in Humbug und Re— 
klame ein; und strenge Denker des 15. und 16. Jahrhunderts 
hielten es immer und immer wieder für notwendig, diesen 
manzipierten Kreisen Segen und Notwendigkeit angestrengter 
Arbeit in Treuen vor Augen zu führen. Und was strebte nicht 
alles in diese Kreise hinein! Jede frische Individualität gab 
ich dem neuen Aufschwung hin; die Kaufmannschaft verschlinge
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.