Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 125
und Gewerbsleute, die vom Rat und Geschlechtern, Adel, Doktoren,
Grafen und Herren, reisige Knechte, Kriegslente, Burgknappen,
Schreiber, Geistliche, Diener, Sekretarien, Kassierer, Vögte,
Pfleger, Amtsleute, gemeine und unehrliche Weiber, Nachrichter
und Juden.
War es unter diesen Umständen dem einzelnen nicht leicht,
aus den so differenzierten unteren Schichten hinaufzusteigen in den
Kreis der geistig Freien, Gebildeten? Die allgemeine Handhabe
hierzu war schon völlig entwickelt. Das Bürgertum hatte die
Arbeit in fast allen ihren Formen geadelt; niemals war der
Zugang aus dem Kreise der Arbeiter, vor allem der privilegierten,
zünftlerischen Arbeiter in die höheren Klassen verschlossen gewesen.
So brauchte diese Arbeit nur geistige Formen anzunehmen, um
ebenbürtig zu machen für die neue individualistische Gesellschaft.
Indem die Handwerker sich teilweis zu Künstlern entwickelten
und damit diese Bedingung erfüllten, traten sie ein in die neue
Gesellschaft; Dürer war mit Pirckheimer befreundet, Holbein
hat mit Amerbach, Beatus Rhenanus und Erasmus verkehrt.
Und wie, wenn jetzt überhaupt ein Stand geistiger Arbeiter
geschaffen ward? In den Zeiten der Naturalwirtschaft mußte
ein Produzent geistiger Werte immer zugleich Großgrundbesitzer
sein, d. h. dem Landbau soviel über sein Nahrungsbedürfnis
hinaus entnehmen können, als nötig war, um sich geistige Muße
zu sichern: denn wie hätte er anders in einem Zeitalter des
Tausches seine geistigen Produkte regelmäßig und sicher in die
Voraussetzungen seines äußern, materiellen Daseins umsetzen
können? Darum war die Kirche wie das geistig bewegte
Rittertum des Mittelalters an den Großgrundbesitz gewiesen.
Wie anders jetzt! Die in den Städten erwachsene Geld—
wirtschaft gestattete durch das Mittel des universalen, im Gelde
gegebenen Wertmessers geistige Erzeugnisse, soweit nötig, in
die Notwendigkeit des gemeinen Verzehrs umzusetzen; sie er—
möglichte damit das Aufkommen der Klassen immaterieller
Produktion, der Lehrer und Arzte, der Akademiker und Künstler,
und nicht zuletzt auch der völlig als solche charakterisierten öffent—
lichen Beamten. Es war ein unendlicher Fortschritt; der