Eutwicklung der individualistischen Gesellschaft. 128
tritt an die Stelle. In den Sermones convivales des Augsburger
Patriziers Conrad Peutinger, die einen Einblick in die Tisch⸗
gespräche der neuen Kreise gewähren, wird von den fernen Ent⸗
deckungen der Portugiesen in Indien nicht minder geredet wie
von dem Deutschtum Kölns und Straßburgs und den alten
Grenzstreitigkeiten zwischen Deutschen und Franzosen, und
dazwischen fließen wohl Erörterungen ein über speziell gelehrte
Fragen, wie die, ob der Apostel Paulus verheiratet gewesen
sei oder nicht. Die Universalität weiter und dennoch per—
fönlich erfaßter Interessen liegt über diesem Treiben: die fein—
bürgerliche Geselligkeit hat gesiegt über die genossenschaftliche
Gesellschaft des 14. Jahrhunderts. Und schon bildet sich der
Kreis dieser Gesellschaft immer weiter aus; Ladschaften und
Heimgärten, außerordentliche und regelmäßige Zusammenkünfte
zu freiem geistigen Austausch werden gewöhnlich. Zu Boden
fallen die alten Bruderschaften des Mittelalters, mochten sie
geistlich sein oder nicht; in Verfall geraten die alten Konvente
und freieren geistigen Genossenschaften des 14. Jahrhunderts, und
die Sprache bezeugt auch für andre Lebenskreise den Niedergang
des alten genossenschaftlichen Ferments, indem sie aus dem
Begriff Bursa , studentische Genossenschaft“ den individualistischen
Begriff „Bursche“, aus dem Begriff Camerata, Stubengenossen⸗
schaft“ den Sinn „Kamerad“, und endlich, wenn auch erst seit
Beginn des 17. Jahrhunderts, aus dem mittelhochdeutschen
Vrouwenzimmer im Verstand von Gynaeceum unsern indivi—
zualistischen Begriff Frauenzimmer entwickelt.
Die späte Weiterbildung grade des letzteren Begriffes ist nicht
ohne Bedeutung. Was der neuen individualistischen Gesellschaft
des 15. und 16. Jahrhunderts noch immer fehlte, das war die
Frau. Nicht entfernt spielen die Frauen in dieser Periode unserer
Geschichte eine Rolle, welche derjenigen der Frauen in der ver⸗
wandten Entwicklung Italiens gleich käme; den gelehrten und
liebenswürdigen, bedeutenden und begeisterten Frauen der italie—
nischen Renaissance wären von deutscher Seite höchstens die geist—
reichen Schwestern Pirckheimers oder jenes Töchterchen Peutingers
zur Seite zu stellen, das schon in jungen Jahren lateinische Verse