Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 143 
sondern auch die wissenschaftlichen Einrichtungen von der 
Elementarschule bis zur Universität, sowie die sozialen von der 
Verpflegungsstelle wegmüder Pilger bis zum Krankenhaus und 
zum Asyl für Arme und Aussätzige. Die Kirche war die 
Trägerin aller Ideen geistigen und gesellschaftlichen Fortschritts, 
und indem sie nicht müde ward, diese Ideen zu verwirklichen, 
stand sie weit über allen andern menschlichen Einrichtungen 
der Zeit. Das waren Verdienste, die auch durch Mißwirt— 
schaft nicht leicht verdunkelt werden konnten. Überdies waren 
es, so lange das Verderben nicht schon das Papsttum selbst 
ergriff, doch immer nur einzelne Landschaften, die unter ihr 
litten. Mochte das Bistum Würzburg fast im ganzen späteren 
Mittelalter unter unheilvollen Bischöfen seufzen — dafür 
waren Mainz und auch Trier zumeist um so besser regiert. 
Und wie hatte die Kirche ihre Macht benutzt, um auch 
rein weltliche Dinge zu beherrschen! Ihre Jurisdiktion hatte 
sie auf ganze Teile des weltlichen Rechts ausgedehnt, nament— 
lich auf die wichtigen Gebiete des Familien- und Erbrechts; 
ihrer Pflege des Unterrichts hatte sie den Anspruch eines Lehr⸗ 
monopols entnommen; immer weiter griff ihr wohlgepflegter 
Besitz; und eine rücksichtslose Anwendung geistlicher Strafmittel 
sicherte sie in der Beherrschung des einmal Errungenen. 
So war sie namentlich für den kleinen Mann das Ein 
und Alles; unendlich viel näher stand fsie ihm, als das Reich 
oder die Landesherrschaft. Aber auch die höheren Kreise be— 
herrschte sie, denn die Bildung war ihrer Auffassung nach ihr 
Privilegium, und die Inquisition war auch noch im 15. Jahr⸗ 
—V 
ihr das ausschließliche Recht sogar des Denkens zu er— 
halten. 
Wer hätte dieser Macht leicht widerstanden! Der freisinnige 
Verfasser der Reformation Sigmunds meint, daß sich billiger— 
weise selbst Kaiser und Könige vor dem einfachen Priester zu 
berneigen hätten, und auch die Radikalen des Baseler Konzils 
blieben bei dem Satze, daß der Klerus den Schlüssel der 
Weisheit besitze.
	        
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