Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 145 
nur durch vergröberte Simonie beschafft werden, bis Innocenz 
eine Bank auch weltlicher Gnaden errichtete, die gegen Erlegung 
anständiger Summen Ablaß für alle Sünden einschließlich 
Mordes und Totschlags verkaufte. Dem folgte das Pontifikat 
Alexanders VI., des Borgia, (1492 -1503): in Blut und 
Leichen schloß es eine ungeheuerliche Entwicklung, der gegen— 
über selbst ein Julius II. als Retter des Papsttums erschien. 
Der Eindruck dieses Unglücks und dieser Verbrechen über— 
kam die Nationen des Abendlandes völlig wohl erst gelegentlich 
der Pilgerfahrten des großen Jubiläums vom Jahre 1500: 
da ward die Schande der Kurie offenbar. Man wußte jetzt, 
was Luther vom Papsttum zu Rom später aussagte: „die Ge⸗ 
meinde weiden heißt auf römisch, die Christenheit mit vielen 
menschlichen schädlichen Gesetzen beschweren, die Bischofsmäntel 
aufs teuerste verkaufen, Annaten von allen Lehen reißen, alle 
Stiftungen an sich ziehen, alle Bischöfe mit greulichen Eiden 
zu Knechten machen, Ablaß verkaufen, mit Briefen, Bullen, 
Blei, Wachs die ganze Welt schätzen, das Evangelium zu pre⸗ 
digen verbieten, alle Welt mit Buben von Rom besetzen, allen 
Hader zu sich bringen, Zank und Hader mehren, kurzum nie⸗ 
mand zur Wahrheit frei kommen lassen und Frieden haben.“ 
Hätte man nun nicht glauben sollen, die neue Gesellschaft 
müsse so verrotteten Zuständen aufs tapferste entgegengetreten 
sein und eine neue Kirche gefordert haben? 
Gewiß hielt man mit der Kritik nicht zurück. Voll Hohn 
und Spott, voll Zorn und Verachtung sprach man in den geistig 
angeregten Kreisen von Regularklerus und Mönchen; tausend 
Anekdoten schlimmster Art über die Lüsternheit und die Un⸗ 
bildung der Pfaffen durchschwirrten die Luft und fanden 
schließlich den feinen Kopf, der sie sarkastisch zuspitzte; in Grund 
und Boden verwünschte man Kurie und Kirche. 
Aber sie zu erneuern oder zu beseitigen verstand man nicht. 
Ein Teil der besseren Gesellschaft war durch kirchliche Pfründen 
und Exspektanzen jeder Art mit den materiellen Interessen der 
Hierarchie verknüpft; er schwieg oder trat wohl gar trotz innerer 
Skepsis für die Kirche ein. Ein anderer Teil verhielt sich im 
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. —10
	        
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