Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

148 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
gemäßen Unvernunft der Offenbarung sah er den besten Beweis 
des Glaubens. 
Indes konnte es bei der Anschauung der Zeitgenossen, 
denen Theologie und Philosophie im wesentlichen zusammenfielen,. 
nun doch wieder nicht ausbleiben, daß sich der Nominalismus, 
wenn auch nicht an einen Beweis, so doch an eine Syste— 
matisierung jener kirchlichen Lehren machte, in denen man die 
Offenbarung niedergelegt sah. Natürlich war das, bei der 
grundsätzlichen Stellung des Nominalismus, nur im Sinne 
einer rationalen Veräußerlichung, ja einer Aushöhlung des 
Glaubensinhalts möglich. Indem man die Wertmaßstäbe 
empirischer Ethik an das Dogma und die Heilsthatsachen legte, 
verflachte man die sittlich-religiösen Begriffe der Liebe und der 
GBnade, setzte die kirchliche Ethik und auch die Dogmatik in 
ein laxes casuistisches Schema um und kam zur Läßlichkeit, zum 
Probabilismus aller sittlichen Verpflichtungen. 
Das ist der Moment, in dem die Kurie sich der nomina— 
listischen Theorieen annahm. Die Beweise für die Irrationalität 
des Glaubens waren durchaus geeignet, die Autorität der Kirche, 
d. h. des heiligen Stuhles zu stärken; die kasuistische Moral 
schuf dem Bestreben der Kurie, im Verwaltungswege die Hut 
der Seelen auszuüben, breiteste Bahn, und die Verpflichtung, 
den Dogmen nur ein sich beugendes Furwahrhalten zu widmen 
an Stelle persönlicher Überzeugung, ersetzte den Glauben durch 
den Gehorsam gegenüber der Kirche. 
So zog denn spätestens mit dem 15. Jahrhundert der 
Nominalismus triumphierend durch alle Vorhöfe der Kirche 
ins Allerheiligste ein; es schien, als sollte ein rationaler 
Mehltau jeden Schoß wahrer Frömmigkeit ersticken. 
In der That wurden einige Kreise, zum wenigsten freilich 
in Deutschland, indifferent, um sich schließlich einem blinden 
Fatalismus zu ergeben, der eben damals an der aus dem Orient 
fommenden Astrologie eine geschäftige Vermittlerin fand1. 
Über einheimische Wurzeln des Fatalismus in den niedern Kreisen 
des Volkes ist Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. II gesprochen. Sie 
kommen in dem hier behandelten Zusammenhang wohl schwerlich in Betracht.
	        
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