Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

1580 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
von Kues; sie mündet späterhin ein in die philosophischen 
Bahnen des Humanismus. Andrerseits blieb die Opposition auf 
theologischem Gebiete. Hier mußte sie vom Standpunkte des 
individuellen Heilsbedürfnisses aus zu einer vernichtenden Kritik 
der bestehenden kirchlichen Lehre und kirchlichen Praxis gelangen. 
Führer auf diesem Wege ist vor allem Wessel. Nach ihm beruht 
die Heiligung des Menschen auf Gottes Gnade und auf wahrer 
Buße, also auf einem göttlichen und einem persönlichen Moment. 
Wo aber Gnade ist, da bedarf es nicht der Rechtfertigung durch 
verdienstliche Werke. Und wer in Gnaden gerechtfertigt ist, der 
gehört zur wahrhaften Kirche, die verschieden ist von der em⸗ 
pirischen Kirche der Gegenwart. 
Man sieht: es sind die Grundlagen späterer Lehren Luthers. 
Was Luther ihnen zugefügt hat, ist nicht so sehr lehrhaft 
Neues, als vielmehr das Thatsächliche des heldenhaften persön— 
lichen Kampfes um ihre Wahrheit und um ihre Geltung im 
eignen Innern wie in der verwahrlosten Christenheit. 
So war denn also die neue Gesellschaft doch hinaus über 
die individualistische Pflege der äußern Persönlichkeit, über die 
Entwicklung neuer intellektueller und ästhetischer Ideale vor— 
gedrungen zu den Tiefen der religiösen Frage, deren volle 
Lösung erst imstande war, Mittelalter und Neuzeit endgültig 
voneinander zu scheiden. Aber es waren zunächst nur wenige 
Geister, die sich in dieser Richtung bewegten. Die meisten 
Köpfe, denen es auf religiös-philosophischem Gebiete um mehr 
zu thun war, als um bloße Opposition gegen eine verrottete 
Kirche, wandten sich in voller Gleichgültigkeit von der religiösen 
Seite des Problems ab und folgten jener andern Entwicklung, 
die schließlich zur humanistischen Philosophie geführt hat. 
Es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, das beweist, 
daß seit etwa der Mitte des 15. Jahrhunderts zu der bisher 
ziemlich ausschließlich nationalen Entwicklung des Geisteslebens 
ein neues Element hinzugetreten war, das sie weithin ergreifen 
und umgestalten sollte: die Einwirkung des klassischen Altertums 
und die Reception italienischer Kultur in den Formen der 
Renaissance und des Humanismus.
	        
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