Einleitung.
die Rede sein. Genug, daß dieser Dualismus bis in die ersten
Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts immer stärker hervortrat, um
dann nur langsam zu verschwinden. Mehrere Generationen hin⸗
durch, von Luthers Auftreten an etwa gerechnet, dauerte nun das
Abflauen dieser Bewegung; es begann mit einzelnen Machtver⸗
schiebungen zwischen Territorien und Städten, von denen diese in
den politischen Gängen der Reformationsgeschichte Schaden litten
und von Karls V. steigender Universalgewalt bedrückt wurden,
jene durch die kirchlichen Neuerungen gewannen und über die
centralen Bestrebungen Karls V. schließlich den Sieg behielten;
es endete in der allgemeinen naturalwirtschaftlichen Reaktion
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die ganz Mittel⸗
europa betraf und vornehmlich durch die Verschiebung des
internationalen Handels an die europäischen Westküsten bedingt
ward.
Das Ergebnis war damit schließlich, völlig deutlich seit
der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts, der Zusammenbruch
der städtischen geldwirtschaftlichen Hypertrophie, der Sieg der
Territorien mit ihrer langsamen Entfaltung höherer Wirt—
schaftsformen, und in diesem territorialen Werden eine neue
Einheit der nationalen Geschicke. Dieser Grundlage entsprießt
die Entwicklung des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie kann
deshalb gegenüber den vorschnellen Fortschritten der städtischen
Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts wesentlich Neues zunächst
nicht bringen; nur in anderen Formen und höheren Wendungen
erreicht in ihr jetzt der Gesamtkörper der Nation, was für die
bevorzugten bürgerlichen Kreise schon um manche Generation
früher, in Wahrheit freilich noch ungesichert, errungen schien.
Aus dieser eigenartigen Entwicklung auf politischem und
wirtschaftlichem Gebiete ergiebt sich die Einheit der deutschen
Kultur des 15. bis 18. Jahrhunderts. Es ist ein Zeitalter,
genau getrennt von dem vorhergehenden der mittelalterlich—
konventionellen Kultur des Bürgertums wie von dem folgenden
der subjektivistischen Bildung des neunzehnten Jahrhunderts;
es ist die Zeit individualistischer Durchbildung der deutschen
Persönlichkeit.