Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 195
Fortschritt, wie so oft auf wissenschaftlichem Gebiete, nach
langer Spannung an einem gänzlich fern liegenden Punkte
in persönlichen Gegensätzen aus.
In Köln hatte man sich der allmählichen Umgestaltung
durch den Humanismus besonders kräftig entgegengestellt. Die
Kölner Hochschule sah auf eine ruhmreiche scholastische Ver—
gangenheit zurück, sie war im 15. Jahrhundert gut besucht
worden, sie rühmte sich der besonderen Pflege der höchsten aller
Wissenschaften, der Theologie. Es war eine geschichtlich ge—
gebene Stellung, die ohne weiteres zum Gegensatz gegen den
Humanismus drängte, sobald dieser erst einmal seine Angriffe
gegen Klerus und Kirche eröffnet hatte. Aber das hielt natür—
lich die Humanisten nicht von dem Versuche ab, Köln zu erobern.
Im Jahr 1507 erschien Hermann von dem Busche (Pasiphilus)
in Köln, ein westfälischer Rittersmann und Humanist, fein—
gebildet, aber nicht von der Festigkeit des Charakters, die ihm
in Köln allein den Sieg würde verbürgt haben. Und sein
Unglück wollte, daß ihm die theologische Fakultät in Ortwin
Gratius bald einen der Ihrigen entgegenstellen konnte, einen
Mann, der, vom Humanismus nicht unberührt, dessen Be—
deutung für die philologische Vorbildung der Theologen völlig
zugab, indes ohne die geringste Geneigtheit, ihm deshalb
den Rang einer besondern, womöglich überragenden Wissen⸗
schaft zuzuschreiben. So war klar, was kommen mußte. Her—⸗
mann von dem Busche unterlag, und der Humanismus erreichte
in Köln höchstens die Stellung einer dienenden Magd der
Gottesgelahrtheit.
Unter diesen Umständen fand es in Köln, namentlich auch
bei dem mit der Universität eng verbundenen Dominikaner—
ketzermeister Jakob von Hogstraten, zum mindesten keinen Wider—⸗
spruch, als in den Jahren 1507 — 1509 ein getaufter Jude,
Johann Pfefferkorn, heftige Schriften veröffentlichte gegen die
Juden und gegen die hebräische Litteratur, die zu vernichten
sei. Und man war einverstanden, als Pfefferkorn ein kaiser—
liches Mandat erwirkte, das ihn zur Konfiskation aller
hebräischen Bücher ermächtigte.