Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

206 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Motiven des Totentanzes. Zugleich übertrug Baldung die 
neue Richtung auf die graphischen Künste, vor allem den 
Holzschnitt. Er konnte dabei an die treffliche Entwicklung 
des Holzschnitts in Straßburg anknüpfen; namentlich hatte 
hier Hans Wechtlin die für einen Koloristen besonders wert— 
vollen Zwei- und Mehrfarbendrucke schon meisterhaft gepflegt. 
Auf dieser Grundlage schuf Baldung mindestens anderthalb 
Hundert Blätter, deren Dürer manche für gut genug hielt, um 
sie gleichzeitig mit seinen Holzschnitten zu vertreiben, und deren 
kühne Phantastik und rücksichtslose Wahrheitsliebe noch heute 
wunderbar fesseln. 
Ganz anders geartet ist Altdorfer, der in Regensburg 
lebte, um 1520 blühte und 1538 gestorben ist. Altdorfer, der 
im Olbild, im Kupferstich und im Holzschnitt gleich zu Hause 
war, ist der erste deutsche Landschafter, nachdem schon in der 
Buchmalerei der Regensburger Schule während der ersten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts das landschaftliche Element eine große 
Bedeutung gewonnen hatte. Zwar hat er wenig reine Land⸗ 
schaften geschaffen, und wo seine Landschaften Staffage zeigen, 
liegt auf dieser der Nachdruck; immerhin aber spielte die 
Landschaft bei ihm eine andere Rolle, als bisher, und vor 
allem wandte er auf sie den neuen Kolorismus an. Dabei zog 
er aber die pathetisch-phantastische Art Grünewalds und auch 
Baldungs ins Idyllische, höchstens Romantische, und gleich— 
zeitig überhob er sich mit einigen koloristischen Wendungen gern 
eines gründlichen Studiums der Natur. Es war der Ruin 
der koloristischen Richtung; sie verflaute von nun ab; Altdorfer 
war ihr letzter ausgesprochener Meister. 
Uns freilich mag es auf den ersten Blick so scheinen, als 
hätte von Grünewald ein Weg unmittelbar zur Kunst eines 
Rembrandt und Rubens führen müssen; als hätte die Ent— 
wicklung nicht abbrechen können. Indes es ergeht den Kolo— 
risten auf künstlerischem Gebiete, wie den Schwarmgeistern auf 
religiösem: getragen von der hochwogenden Flut des neuen 
Geisteslebens nehmen sie Entwicklungen voraus, deren fester 
Besitz erst späteren Geschlechtern zufallen konnte, und so gehen
	        
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