Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 207 
sie, kühne und geistreiche Erstlinge eines kommenden Zeitalters, 
in der eigenen Gegenwart fruchtlos zu Grunde. Die nächsten 
Jahrzehnte gehörten nicht dem vorfrühen Kolorismus, sondern 
einem künstlerischen Idealismus, der die Errungenschaften des 
15. Jahrhunderts zu unvergänglicher Schönheit ausreifte. 
Die koloristische Richtung nahm ihren Ausgang von den 
mittleren Gegenden des alten fränkischen Bodens; der Kardinal 
von Mainz war ihr besonderer Gönner. Von hier verbreitete 
sie sich nach Sachsen, Alemannien und Baiern, aber auch in 
Sachsen war ihr Träger noch ein Franke. Hätte sie in dieser 
Urwüchsigkeit wohl entstehen können, wenn ihre Wiege dem 
italischen Süden näher gestanden hätte? Es scheint kein 
Zufall zu sein, wenn die Vermählung des deutschen Natura— 
lismus des 15. Jahrhunderts mit der italienischen Renaissance 
am frühesten und gründlichsten in Augsburg eintrat. 
Eine besondere Augsburger Malerei von eigenem, in zahl⸗ 
reichen Denkmälern überliefertem Charakter hat es vor dem 
älteren Hans Holbein kaum gegeben. Erst Holbein schuf sie 
seit dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, damals etwa 
dreißig Jahre alt, also in den besten, phantasiereichsten Jahren 
des Mannes. Ging er dabei von Schongauer aus, unterlag 
er vielleicht auch gelegentlich Kölnischen Einflüssen, so stand er 
doch bald auf eigenen Füßen. Er wurde ein breiter Erzähler 
von handfester Art, der vor allem verständlich sein wollte und 
auch das Burleske nicht scheute. Dabei war er naiv, warm⸗ 
blütig, unbesorgt wegen hier und da auffälliger Wirkungen, 
und jeder Belehrung offen. In dieser künstlerischen Verfassung 
erreichte ihn, um etwa 1508, der Einfluß der italienischen 
Renaissance. Die Wirkung war merkwürdig. Der Meister 
verlor seine kleinen Barbarismen; er begriff, daß die Wahrheit 
der Schönheit nicht Eintrag zu thun brauche; er ahnte etwas 
von der künstlerischen Weisheit, die Natur und Kunst zu ver— 
schmelzen sucht. Und seine Gemälde wurden zu Zeugnissen 
dieser Wandlung. Wer die Frauengestalten des Sebastians—
	        
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