Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

208 Vierzehntes Buch. Viertes RNapitel.

altars in der Münchener alten Pinakothek betrachtet, die sanfte
h. Barbara, die anmutige h. Elisabeth, der wird immer wieder
fragen, ob er denn wirklich ein Werk des älteren Holbein vor
sich habe: so selten günstig, Nationales und Einheimisches er⸗
ziehlich bildend und doch nicht brechend wirkte der Umschwung.
Es sind die Flitterwochen gleichsam der Vermählung deutscher
und fremder Art.
Holbein ist in seinem Schaffen über dies Werk nicht hin—
ausgekommen. Aber was unter rauher Hülle bisher in ihm
geschlummert hatte, das war darin auch entbunden: ein freier
Schönheitskult, das Streben nach hohen Idealen der Form, und
ein Farbensinn, wie er bisher nur in Venedig gefunden ward.
Aber schon war Holbein in Hans Burgkmair (1478 -1531)
ein jüngerer Künstler unter italienischem Einfluß zur Seite ge—
treten. In seinem Bildungsgang wiederholen sich beinahe die
Entwicklungsstufen Holbeins: von Schongauer und den Nieder⸗
— DD—
und daß er sich widerstandsloser der Renaissance, namentlich
dem Einfluß Giovanni Bellinis hingab. Nicht eben zu Gunsten
seiner Kunst. Gewiß gewann sein Sinn für den Wohllaut
der Farben und Formen, aber bald vernachlässigte er die harte
Kontrolle an der Natur, und die Gefahr der Bildung eines
einseitigen, abstrakten Kanons trat auf — zum erstenmal hier
innerhalb der deutschen Entwicklung unter dem Einfluß der italie—
nischen Renaissance. Vermied sie Burgkmair noch im ganzen,
so verdankte er das wesentlich doch nur einer Reihe äußerer
Zwischenfälle. Seit dem Jahre 1510 wurde er fast ganz für
die großen Holzschnittwerke Kaiser Maximilians in Anspruch
genommen; er hat die Vorlagen für die meisten Holzschnitte
im Weißkunig, im Theuerdank und einigen anderen Pracht⸗
werken gezeichnet. Dazu kam seit 1515 eine zeitweilige Be—
schäftigung mit Fassadenmalerei nach italienischem Vorbild.
Das alles hielt ihn von eingehenderer Thätigkeit im Tafelbild
zurück, der wohl sonst die Bedenklichkeiten der Manier nicht
erspart geblieben sein würden.
Die volle Verschmelzung klassisch-italienischer Einflüsse
            
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