Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 209

aber mit deutscher Kunst unter genügender Wahrung germa—
nischer Art brachte erst der jüngere Hans Holbein, der als
Sohn des älteren gleichnamigen Malers 1497 in Auasburg
geboren ward.
Holbein war ein frühreifes Kind, wie so oft wesentlich
formal begabte Naturen; schon im Jahre 1515 konnte er sein
eigenes Brot in Basel suchen. Er fand es auf dem Boden
der reichen Thätigkeit, die dort im Anschluß an den großen
humanistischen Verlag der Froben und Amerbach im Holzschnitt
herrschte: alle besseren Druckwerke wurden künstlerisch aus—
gestattet. Und er trat damit zugleich in eine humanistische,
der italienischen Renaissance verschwägerte Welt ein; wir
wissen, daß Erasmus im Jahre 1514 nach Basel gezogen war!.
Unter diesen Umständen war es für Holbein von großer Be—
deutung, daß er die ihm aus der Werkstatt seines Vaters längst
bekannten Formen der Renaissance öffentlich zuerst wenigstens
in der nationalen Technik des Holzschnitts anwandte; er blieb
dadurch der zeichnerischen Kunst des 15. Jahrhunderts näher.
Und niemals, so lange er in Deutschland wirkte, ist er dem
Holzschnitt untreu geworden: seine Bilder aus dem Volksleben,
seine satirischen Flugblätter reformatorischer und sozialistischer
Richtung, seine Illustrationen zum alten und auch zum neuen
Testament sind seinen Gemälden ebenbürtige Erzeugnisse.
Bald freilich wandte sich Holbein auch der Malerei zu.
Und hier begann er, bezeichnend genug, vor allem zu porträ—
tieren. Er gewann dadurch den vielleicht entscheidendsten Zug
seiner ganzen künstlerischen Persönlichkeit: war schon sein Vater
ein ausgezeichneter Bildnismaler gewesen, so darf er wohl als
der erste wahrhaftige Herzenskündiger auf dem Gebiete der
deutschen Bildniskunst betrachtet werden.
Darauf machten sich, gegen Ende des zweiten Jahrzehnts
des 16. Jahrhunderts, verstärkt italienische Einflüsse geltend;
die alte venezianische Einwirkung der Augsburger Zeit wurde
überholt durch den Eindruck der Kupferstiche Mantegnas und

1S. oben S. 180.
Lamprecht, Deutfche Geschichte V.
            
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